Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Wenn hier von Zweikampf die Rede war, 80 konnte es sich natürlich nur um vehe Zweikämpfe handeln, nicht um jene Mut- und Geschicklichkeitsproben unter den deutschen Studenten, bei denen nur das Sonderbare stattfindet, daß man den Beweis seiner eigenen Ge- schicklichkeit nur etwa in der mündlichen Überlieferung zu geben vermag, während manl den Beweis der Geschicklichkeit des Gegners thatsächlich und sichtbar mit sich führt. Es wäre zu wünschen, daß die Studenten sich weniger duellierten und dafür besser fechten lernten; denn eine gute und geschickte Führung der Klinge ist keine verächtliche Kunst, während das naturalistische Darauflosschlagen, das immer mehr um sich zu greifen scheint, nur Roheit verrät.

Bei den ernsteren Zweikämpfen der Offiziere nun ist ein unlösbarer Widerspruch vor- handen. Durch den Spruch des Ehrengerichtes ist der Offizier zum Duell gezwungen, und wenn er sich duelliert, erleidet er Strafe- Hier liegt unzweifelhaft eine Anomalie vor. Wenn aber Richard Rothe glaubt, durch den allgemeinen Wehrdienst werde das Duell in militärischen Kreisen allmählich verschwinden, so irrt er sich wohl; vielmehr wird der im regelmäßigen Leben einem bürgerlichen Berufe angehörige Reserve-Offizier auch in den Kreis des militärischen Ehrbegriffs hineingezogen, und dem Duell wird dadurch eher Vorschub geleistet als Abbruch gethan.

Daß übrigens in Offizierkreisen ein sehr reizbares nach außen gerichtetes Ehrgefühl herrscht, das sich freilich mit jenem idealen Ehrgefühl keineswegs deckt, ist begreiflich. Alle anderen bestimmten Standesabgrenzungen sind, wenigstens soweit sie unmittelbar in die äußere Erscheinung treten, in einer demokratischen Gleichheit verschwunden, das Militär charakterisiert schon die Uniform, das Tragen der Waffen äußerlich als eine von der bürgerlichen Welt unter- schiedene einheitliche Körperschaft, mag immerhin das Heer wesentlich nichts anderes sein als qas Volk in Waffen, wo die allgemeine Wehrpflicht herrscht. Nun hebt sich aus dieser ein- heitlichen Masse der Offizierstand wieder als eine geschlossene Einheit hervor, er ergänzt sich zum großen Teil aus sich selbst, geschichtliche Überlieferungen treten zur unmittelbaren Gegen- wart, die sie mit ihrem Glanze beleben. Jede Rangstufe ist an äußeren Abzeichen zu erkennen, und von Stufe zu Stufe aufsteigend sind die ihr gebührenden Ehrbeweise geregelt. Mannigfache Mittel reizen den Ehrgeiz an, wenn auch, durch strengste Subordination bestärkt, unzweifelhaft in unserem Heere ein lebhaftes Pflichtgefühl vorhanden ist. Die bevorrechtete, besonders ge- achtete Stellung der Offiziere, die sich als. Kameraden des obersten Kriegsherrn ansehen dürfen, welcher selbst alle militärischen Rangstufen qurchlaufen hat, muß überdies für manche Ent- behrung entschädigen, vor allem für die Gebundenheit der Persönlichkeit. Nimmt man hinzu, daß dem Offizier immer die Aufgabe vorschweben muls für König und Vaterland, wir dürfen jetzt sagen, für Kaiser und Reich, sein Leben einzusetzen die Waffe, die er trägt, erinnert ihn stets daran. so wird man begreifen, dals naturgemäß in diesem so geschlossenen Kreise sich ein lebhaftes Standesgefühl, ein sehr reizbares, eigenartiges Ehrgefühl entwickelt, und daß vor allen Dingen jeder Verdacht der Feigheit aus diesem Kreise ferngehalten werden muß. Da der Offizier pflichtmätzig die Waffe führt, da Mut eine Hauptbedingung der militärischen Leistungen ist, entsteht nun jener begreifliche Irrtum, der Mutbeweis wasche jeden Flecken der Ehre ab. So bildet sich denn jenes militärische point d'honneur, das bei aller Hochachtung vor unserem Offizierstande muß man es sagen doch keineswegs immer der Ausfluß einer sonst ganz fleckenlosen Ehre ist.

Daß aber bei unseren Offizieren Duelle in besonderer Häufigkeit vorkommen, sowohl zwischen ihnen selbst, als auch zwischen Militär und Civil, wird man kaum behaupten dürfen.