Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Aber jedenfalls ist der Zweikampf auch bei der jetzigen Lage der Dinge nicht das rechte Mittel die angegriffene Ehre herzustellen, und wo die Verhältnisse ihn unvermeidlich erscheinen lassen, da liegt ein schwerer sittlicher Widerspruch vor, abgesehen von dem innereu Widerspruche zwischen Mittel und Zweck.

Unter allen Umständen sei Pflichterfüllung, auch wenn wir durch sie Schande statt

Ehre ernteten, die Parole. Aber auch sie reicht nicht aus, den Boden für das sittliche Leben zu bilden. Nimm die Gottheit auf in Deinen Willen, 8 Und sie steigt von ihrem Weltenthron. Zum freien inneren Triebe muß die Sittlichkeit werden, durchhaucht von dem Geiste Gottes. Sie läßt sich nicht abmessen nach deni Richtscheit des Pflichtgebotes, sie muß hin- strömen in einem breiten Lichtstrom der Liebe, gegen dessen Glanz das Gestirn der Ehre verblaßt. Wohl ist der Mensch sich selbst Zweck und nicht nur für andere und für fremde Zwecke da, aber in jenem Ersten ist als Zweites unmittelbar eingeschlossen, daß er nur in seiner Beziehung zur Menschheit seinen Zweck erfüllen kann. So weitet sich unser Blick, den wir zuerst nur auf unsere Persönlichkeit und ihre Würde richteten; er senkt sich aber auch demütig vor der Majestät der Gottheit, vor der wir uns unserer Unwürdigkeit bewußzt sind; und er erhebt sich wieder zur Höhe der reinen, vom Geiste Gottes durchdrungenen und in sich befreiten Menschheit, von der Strahlen ausgehen, welche auch die schimmerndste Ehrenerweisung als einen nichtigen Schatten verschwinden lassen.