Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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er die Erziehung in der demokratischen Staatsform als notwendig auf die politische Tugend d. h. auf selbst entsagende Liebe zu den Gesetzen und dem Vaterlande gegründet beschreibt, während in der Monarchie auch schon bei der Erziehung die Ehre der Meister sei, der uns über- all und immer führen muß¹⁰): so nimmt er einerseits ein Ideal demokratischer Verfassung an und zeichnet andererseits eine Karikatur der Monarchie. So war es wohl zur Zeit Ludwigs XIV. und noch mehr unter Napoleon I. beschaffen, der Ehrgeiz und Eitelkeit, freilich auch Habsucht zu seinen Herrschaftsmitteln machte ¹¹), in unseren deutschen Monarchien im allgemeinen und in dem Staate der Hohenzollern insbesondere ist das Pflichtgefühl nicht ausgestorben. Freilich schieben sich auch oft jene geführlichen Faktoren statt der reinen Beweggründe unter. Jeden- falls würden die Republiken, auch die am meisten demokratischen alter und neuer Zeit, schlecht bestehen, wollte man sie einer Tugendprüfung unterwerfen.

Daß für einen Fürsten selbst große Gefahren in der naturgemäß ihm als dem Träger seiner Würde entgegengebrachten Ehre liegen, wird unzweifelhaft sein, und ein wichtiger Be- standteil der Fürstenerziehung ist es, daß nicht die Summe der Ansprüche auf Ehre und Macht, sondern die gesteigerten Ansprüche an Pflichterfüllung und die hohe Verantwortlichkeit in den Vordergrund gestellt werden.

Die Amtsehre, die Ehre des Ranges und der gesellschaftlichen Bedeutung ist nun keineswegs identisch mit jener auf der menschlichen Würde ruhenden Ehre. Es wäre zwar ein sehr erwünschter Zustand, wenn die höhere gesellschaftliche Stellung auch stets mit gesteigerter Würde verbunden wäre, aber daß es thatsächlich so sei, wird niemand zu behaupten wagen. Die Geschichte zeigt in nur zu vielen Beispielen, daß Kriecher und Schmeichler die höchsten Stellungen einnehmen, oder daß nur der Ehrgeiz die treibende Kraft war, welche auf die höchsten Stufen hinaufführte, wie bei jenem George Villiers(Buckingham), der nach Ranke es verstand unter dem Taumel des Vergnügens doch den Ehrgeiz nicht verrauchen zu lassen, daß er die großen Geschäfte in seiner Hand hatte, ein Vorbild für den Regenten und Dubois. Charaktere»bei denen alles in einander fällt, Genuß und Arbeit, Zerstreuung und Anstrengung, Gutes und Böses, bei denen sich die feinste Bildung mit unerträglicher Insolenz paart; die jede Art des Ehrgeizes besitzen, die nur die ersten sein wollen gleichviel worin.« Wem in dieser Weise nur die einflußreiche Stellung gilt, dem wird auch jedes Mittel recht erscheinen, welches zum Zwecke führt.

Es ist daher ein großer und gefährlicher Irrtum, wenn man in der Erziehung den Ehrgeiz benutzen will, um das Ziel zu erreichen. Nicht bploß die Studienordnung der Jesuiten von 1833 enthält die Anpreisung des Ehrgeizes als Universalmittel¹²), auch bei uns giebt es noch allerlei verwerfliche Anreizungen des Ehrgeizes statt des wahren Ehrgefühls und der Belebung des Pflichtgefühls und freudiger Kraftentfaltung. Besonders sind die Mütter geneigt auf den Ehrgeiz der Kinder zu bauen und ihn anzustacheln. So ist schon manches minder leistungsfähige Kind durch elterlichen Ehrgeiz zurunde gerichtet worden. Aber selbst wenn man durch Reizung

¹⁰) Livre 4, chap. 2 und 5.

¹¹) Nach dem Ausdruck der Mad. de Rémusat in ihren Mémoires: Tout ce qui tient l'ambition, Favidité et la vanité en haleine. III p 202.

12)»Wer die Aemulation geschickt zu reizen weiß, der hat durch sie das bewährteste Hilfsmittel im Lehramte, und welches beinahe einzig hinreichend ist, die Jugend aufs beste zu unterrichten. Der Präzeptor schätze daher diese Waffe hoch und erforsche fleißig die Wege, auf welchen er sie erlange und wie er dieselbe am meisten und angemessensten gebrauchen kann.