Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Sieht man ferner auf die Güter, an welche sich gemeinhin das günstige gesellschaftliche Urteil knüpft, so sind sie an sich von zweifelhaftem Wert. Jetzt, wo alle Konfessionen und Nationen den Tanz ums goldene Kalb unterschiedslos aufführen, erweist man besonders dem Besitz Ehre, und mancher sonst steife Nacken beugt sich vor dem Reichtum, wenn er hin- reichend groß ist, ohne zu fragen, wie er erworben wurde und wie er verwertet wird; es fehlt diesem auch nicht an Ehrenzeichen und Titeln. Doch wozu soll ich noch einmal das Re- gister dessen aufziehen, wodurch sich das Urteil der Gesellschaft verwirren läßt, wie wir das eigene Urteil dadurch verwirrt sahen? Aber das mußz stets betont werden, daß durch eine solche Verwirrung des Urteils sittlicher Schaden angerichtet wird. Selbst wo heilsame Wirkungen nach außen durch den in ein schönes Gewand gekleideten Ehrgeiz entstehen, leidet doch wenigstens das Wesen des Ehrgeizigen selbst Schaden, und was als Tugend erscheint, ist oft weiter nichts als die Werbung um ein günstiges Urteil.

Es giebt eine freundlich eingekleidete Legende, welche doch eine bittere Wahrheit enthält. Gott sendete einst die Mildthätigkeit hinab auf die Erde, daß sie für ihre Zwecke Gaben sammle. In schlichter Kleidung tritt sie auf und in einfacher Weise trägt sie ihre Bitte vor, aber sie findet fast überall Thüren und Hände geschlossen; nur ein armes, altes Mütterchen und gerade solche, die selbst wenig besitzen und schlicht dahinleben, reichen ihre Gaben nach ihren bescheidenen Kräften. Klagend über ihren geringen Erfolg tritt sie vor Gott. Der tröstet sie und spricht:»Weine und zage nicht, mein Kind, ich will Dir helfen«, und giebt ihr die Eitelkeit mit. In prunkendem Gewande tritt sie auf und führt so die Mild- thätigkeit als ihre Begleiterin ein; da findet diese dann Thüren und Hände offen. Die Aus- legung der Legende ist nicht schwer.

So kann auch die Frömmigkeit verfälscht werden, wenn sie als Mittel dienen soll, bei Menschen oder selbst, wie manche meinen, bei Gott Ehre einzulegen. Schlimm ist es auch, wenn die Gerechtigkeit der Orden und Ehrenzeichen zur Aufmunterung bedarf.

Es soll nun natürlich nicht gesagt sein, daß es nicht redliche Arbeit giebt ohne Ehr- geiz, nicht reine unverfülschte aus Menschenliebe geborene Mildthätigkeit, einfältige Frömmigkeit und unbeugsame Gerechtigkeit, aber weil sich so oft äußere Ehre daran heftet, nicht jene Hochachtung des wahren Verdienstes, sondern prunkender Ehrerweis, laufen alle diese Tugenden Gefahr, in ihrem Kerne vergiftet zu werden.

Jedenfalls bedarf weder der wahrhaft Fromme, der von Menschenliebe getriebene, noch der Gerechte der äußeren Ehre. Sein Lohn liegt im Innern selbst, nicht um äußere Vor teile seiner Art zu sein, zu denken und zu handeln ist es ihm zu thun, es fließt vielmehr alles einfach aus seinem Wesen. Er wird daher auch vorsichtig sein im Urteil über andere, deren Namen er nicht in den Listen findet, wenn es sich um Förderung einer guten Sache handelt, er weiß ja nicht, was sie in der Stille thun. Da freilich nach dem Beispiel des in der Gesellschaft Angesehenen sich andere richten, muß er wohl oder übel seinen Namen her- geben und sich selbst dem Zweifel an der Reinheit seiner Beweggründe aussetzen.

Wenn nun namentlich der ausübende Künstler des ihn ehrenden Beifalls bedarf, so ist

sehen oder hören? Aber auch hier stoßen wir sogleich auf eine bedenkliche Klippe. Ist denn das Urteil der Besucher des Schauspiels, der Oper, des Konzertes, des Ausstellungssaales durchaus maßgebend und nicht von vielen Zufälligkeiten abhängig? Wie mancher, der über dem Urteil