Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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zu erheben. Es ist wahr, die Kleinheit des Kreises, dem man angehört, verengt auch leicht den Gesichtskreis, aber was hilft die Größe des Kreises, wenn man ihn nicht überschauen kann! Auch großen Nationen entstammen kleine Geister. Die rechte Stellung zu den ehrenvollen Ge- meinschaften werden wir nur dann einnehmen, wenn wir uns ihrer würdig zeigen und je nach unserer Kraft zu ihrer Würde beitragen. Nichts ist übler als jene Familien-Schönthuerei, wo einer den anderen hätschelt und herausstreicht, als jenes Pfahlbürgertum, wo die Welt mit den Pfählen der Vaterstadt aufhört, als jenes ausschließliche Stammesbewußtsein, das schon den Dialekt des Genossen eines anderen Stammes widerwärtig findet, während es in den Vorzügen des eignen Stammes schwelgt. Lächerlich und unheilvoll ist jener Nationaldünkel nach Art eines Victor Hugo, der in Paris nicht nur das Gehirn, sondern auch das Her⸗z Europas, ja der Welt sah.

So segensreich alle diese Gesamtgefühle, vom Familiengefühl aufsteigend bis zum National- gefühl, sind, wenn sie in den rechten Grenzen bleiben, wenn sie dazu beitragen die Würde jedes dieser kleineren und größieren Kreise zu steigern, so unheilvoll werden ihre Ausartungen. Gewiß ist es eine wesentliche Aufgabe der Erziehung ein gesundes bürgerliches, ein edles Nationalge- fühl zu pflegen und zu beleben, aber nicht durch Überhebung andern Gemeinwesen, andern Nationen gegenüber. Wir dürfen, ja wir sollen uns freuen einer Nation anzugehören, die eine großze geschichtliche Aufgabe zu erfüllen hat, und die reich ist an tüchtigen Männern und edlen Frauen auf dem Fürstenthrone und in der Hütte des Landmanns; wir sollen auch die Jugend teilnehmen lassen an dieser Freude. Aber sie muß eine belebende Kraft werden zu eigener Tüchtigkeit, nicht Veranlassung zu Dünkel oder Eitelkeit, Leider sind solche Ausartungen nicht selten. Ihnen entwachsen schwere Schäden, denn sie legen nicht nur die schaffenden Kräfte lahm, sie erwecken auch die zerstörenden Kräfte. Neben dem religiösen Fanatismus, der doch auch hervorgeht aus hochmütiger Verblendung und der sich nicht begnügt, die anders Glaubenden zu bemitleiden oder zu verurteilen und zu verachten, sondern sie auch in ihren Rechten schädigt und verfolgt, schreitet der nationale Chauvinismus einher, der die Nationen einander feindlich gegenüber stellt. So sehr vergißt man die wahre Quelle menschlicher Würde und menschlicher Ehre, gar nicht der menschlichen Liebe zu gedenken.

Die Ehre im Widerschein des gesellschaftlichen Urteils. (ndirekte subjektive Ehre.)

Im Vorausgehenden hatten wir es in erster Linie zu thun mit der unbewußt auf der Würde des Menschen ruhenden Ehre, als einer unmittelbaren Ausstrahlung derselben, die man in der Sprache des Systems die objektive Ehre nennen mag. Dann mit der in unser Bewußtsein tretenden, von dem Ehrgefühl begleiteten, oder besser gesagt getragenen Ehre, die man mit Eduard von Hartmann»direkte subjektive Ehre« nennen mag. Schon dieses Bewußztsein war ein unsicheres. Statt der wahren Menschenwürde oder des durch eigene für das Wohl der Menschheit geleisteten Arbeit erworbenen höheren Wertes schoben sich allerlei Scheinwerte unter. Aber der Begriff der Ehre wird noch unsicherer, wenn wir die landläufige Ehrvorstellung ins Auge fassen, wenn wir das Gebiet der»indirekten subjek- tiven Ehre« betreten. Hier ruht die Ehre nicht mehr auf dem eignen Würdegefühl, sondern auf der Schätzung durch die andern, und was wir selbst dann für unsere Ehre halten, hängt ab von unserer Wertschätzung der Wertschätzung anderer. Jetzt ist es nicht mehr die Tüch- tigkeit der eigenen Person, welche in erste Linie gestellt wird, sondern der Schätzungswert, den