Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Gründet sich nun auf Schönheit oder auf sonst eine nur äußerliche Eigenschaft Ach- tungsanspruch, so sieht man solche Eitelkeit wohl dem weiblichen Geschlechte nach ob aus Hochachtung mag dahingestellt sein, den Mann macht sie lücherlich oder verächtlich. Wo sie sich neben wesentlichen Vorzügen zeigt, empfinden wir wenigstens Bedauern über diese Schwäche der menschlichen Natur.

Ein oft nicht nur lächerliches, sondern auch widerwürtiges Erzeugnis der Eitelkeit ist die launenhaft wechselnde Mode, welche sich weder um die Forderungen der Gesundheitspflege, noch des guten Geschmacks, noch der sittlichen Schicklichkeit kümmert und mit ihrer tyran- nischen Herrschaft manchen tiefer gehenden Schaden anrichtet.

Angeborene Klugheit ist eine schöne Gottesgabe, aber der wirklich Kluge wird bald, auch wenn er diese Gottesgabe nicht müßig hinnimmt, die Grenzen seiner Fähigkeit den großen Aufgaben der Erkenntnis gegenüber gewahr werden und zu jener echten Bescheidenheit ge- langen, die sich mit dem lebendigsten Streben und bewußzter Kraftentfaltung verträgt; nur des Dummen Vorrecht ist es, sich auf seine Klugheit etwas einzubilden; man sagt wohl. nach einer Art ausgleichender Gerechtigkeit. Auch erhält die Klugheit erst ihren Wert durch die Art der Anwendung. Sie kann zu bösen und zu guten, zu nichtigen und zu wertvollen Zwecken, im Dienste der bloßen Selbstsucht und für das Wohl der Menschheit angewendet werden. Auch der gottbegnadete Genius kann seine Gaben vergeuden. Ihn bewundern und ehren wir mit Recht, wenn er diese Gaben entfaltet; er bedarf aber solcher Ehre nicht, er ruht auf seinem eigenen Wert und freut sich des Segens, der von ihm ausfließst. Würdigt er seine Gaben herab und buhlt er um die Verehrung der Menge, so legt er die Krone ab, die ihn schmückte, und wird zum gemeinen Sterblichen.

Da nun der Mensch aber naturgemäß einer Gemeinschaft angehört, mit der er wie zu einem Ganzen verwachsen ist, so bildet sich ein sozusagen korporatives Ehrgefühl aus, von der Familie aufsteigend bis zur Nation in mannigfachen Abstufungen.

Bei patriarchalischen oder despotischen Familienverhältnissen ist die Persönlichkeit der einzelnen Glieder gebunden durch den Willen des Familienhauptes. In seinem Willen ruht allein die Ehre der Familie und nur auf ihn kann sich im grunde auch das Ehrgefühl des einzelnen beziehen. Von ihm abzustammen ist die Summa der Ehre, ihm zu gehorchen, heilige Pflicht. Aber auf dem Familienverhältnis baut sich auch eine freiere Gemeinschaft auf. Man hält und trägt sich gegenseitig, man freut sich nicht nur an eigener Tüchtigkeit, sondern auch an der Tüchtigkeit des anderen und betrübt sich über das Gegenteil. Der einzelne steht ein für die ganze Familie, er schützt und verteidigt ihr Dasein und ihr Ansehen; das ist löblich und auch bis zu einer gewissen Grenze für das Ganze vorteilhaft, ja selbst rechtlich notwendig. Daß wir dieses zugeben steht nicht in Widerspruch mit jener früheren Ablehnung der Geburtsehre. Denn niemand darf glauben durch die Würdigkeit des Kreises, dem er angehört, seine eigene Unwürdigkeit decken zu können, sie wird vielmehr um so unverzeihlicher. Die Freude, zu einer tüchtigen, ansehnlichen Familie, zu einer geachteten und achtungswerten bürgerlichen Gemeinschaft, zu einer edlen und mächtigen Nation zu gehören, darf nicht in Mißachtung anderer nicht gleichbegünstigter ausarten. Auch aus minder ansehnlichen Familien können tüchtige Menschen hervorgehen, wer kennte nicht eine große Zahl solcher Beispiele! und ansehnlichen hochgeachteten Familien entstammt mancher Taugenichts. Nicht jeder Bürger einer großen Stadt ist ein großer Bürger, kleine un- bedeutende Gemeinwesen waren oft die Geburts- und Erziehungsstätten großer Männer. Die Frage Nathanaels:»Was kann aus Nazareth Gutes kommen?« wagt doch wohl niemand mehr