Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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ein überkommener ist, in Dünkel aus, vielleicht um so mehr, je weniger die Art des Erwerbs immer ehrenwert war. Ein Dünkel, der um so widerwärtiger erscheint, als der Grad der allgemeinen Bildung eines solchen Emporkömmlings nicht selten schlecht paßt zu dem Kreise der Gesellschaft, zu dem ihm sein Reichtum den Zugang geöffnet hat.

Wohl hat Mephisto in seinem Sinne recht, wenn er sagt:

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

Sind ihre Kräfte nicht die meine?

Ich renne zu und bin ein rechter Mann,

Als hätt' ich vierundzwanzig Beine.

Aber es ist Mephisto, der es sagt. Reichtum ist allerdings eine Quelle der Macht, aber nicht er an sich, nicht die in ihm ruhende Macht ist der Ehre wert, sondern die ehrliche und redliche Arbeit, der er entstammt, und die Art seiner Verwendung. Der wahrhaft sittliche Reiche wird sich nicht als einen unverantwortlichen Besitzer seines Reichtums ansehen, sondern als einen verantwortlichen Verwalter desselben, und wenn er seine Ehre in etwas mit dem Reichtum verbundenes setzt, so kann es nur die redliche Art der Erwerbung und die heilsame Art der Verwendung sein.

Redliche Arbeit ehrt immer, den, der sie leistet, von der einfachen Arbeit des Tage- löhners aufsteigend bis zu den freiesten und bedeutungsvollsten Arbeiten, in denen sich eine geistig schaffende Kraft offenbart. Wenn auch Arbeit an sich nur Erfüllung einer uns je nach unserer Kraft obliegenden Pflicht ist, und nicht die zu erlangende Ehre der treibende Beweg- grund sein soll, so ist es doch gerechtfertigt, daß wir uns an der gelungenen Arbeit freuen, und eine Steigerung unseres Wertes, wenn wir eine solche leisten. Diese Genugthuung ist nun erschwert, wo die Arbeit des einzelnen nur in einförmiger Weise einen kleinen Bruchteil der Gesamtarbeit bildet, durch die ein Erzeugnis des menschlichen Fleitzes zu stande kommt. Soll der Arbeiter dabei nicht bloß wie die empfindungslose Maschine, die er bedient, oder die ihm hilft, thätig sein, so muß er sich vergegenwärtigen, daß von der Vollkommenheit seiner Einzel- leistung auch die Vollkommenheit des Ganzen abhängt. Welche Arbeit ist übrigens schließlich vorhanden, die nicht der Mitwirkung anderer bedürfte, sie voraussetzte, benutzte! Je höher und feiner aber der Kreis unserer Arbeit ist, desto leichter können wir uns auch über ihr Gelingen täuschen, desto eher gründet sich darauf eine falsche Wertschätzung derselben und unser selbst. Wer kennt nicht Künstlereitelkeit und Gelehrtendünkel!

Würde nun aber jemand aus der Verwendung seines Gutes und seiner Thätigkeit, sei es zu den besten, edelsten Zwecken; zu Werken der Menschenliebe oder der Frömmigkeit, zur Förderung von Kunst und Wissenschaft oder zu etwas sonst Gemeinnützigem, Ansprüche auf Ehre herleiten, so möchte man leicht an der Reinheit seiner Beweggründe zweifeln.

Körperliche Schönheit steht jetzt nicht mehr in so hohem Ansehen, wie einst bei den Griechen, deren Götter selbst in unverwelklicher Schönheit blühten und sich auch gern unter die Sterblichen mischten, deren Schönheit dann wie eine göttliche Ausstrahlung erschien. Sie ist immerhin auch jetzt noch ein erfreuliches, obgleich auch gefährliches, Gut. Der Besitzer mag sie dankbar hinnehmen, aber sie erhöht die Würde des Menschen nicht. Auch im Alter- tum war schon der häßliche Sokrates dem schönen Alkibiades an Würde überlegen, und jener lebt hochgeehrt im Andenken der Nachwelt fort, während dieser keinen solchen Nachruhm

erreicht hat trotz seiner hohen Begabung. Musterschule 1894.. 2