Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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die geistigen Kräfte abgenommen haben, so bedauernswürdig auch ein solches Schauspiel ist. Nichts Widerwürtigeres giebt es, als wenn diese unverschuldete Schwäche des Alters etwa

gar, wie die angeborene Geistesschwäche, zum Gegenstande des Spottes oder selbst der Mißhand-

lung gemacht wird, wozu man sie leider oft von der rohen Menge und der leichtsinnigen Jugend gemacht sieht..

Am widerwärtigsten, ja empörend erscheint es aber, wenn das Gebot»du sollst Vater und Mutter ehren« nicht stand hält der Schwäche des Alters gegenüber. In den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm findet sich solche Pietätlosigkeit in anschaulicher und abschreckender Weise dargestellt, aber man begegnet ihr auch in der Wirklichkeit und nicht nur in den unteren Volksschichten.

Auch als ein Ausfluß der Achtung vor der Würde anderer erscheint echte Höflichkeit, die nicht zu verwechseln ist mit jenen oft lügenhaften und mindestens inhaltlosen Formen und Formeln des sogenannten guten gesellschaftlichen Tones. Hier läuft eine minderwertige Münze um, die nur darum nicht als falsches Geld angesehen wird, weil jedermann ihre Minderwertigkeit kennt trotz des Stempels der Vollwertigkeit, der ihr aufgeprägt ist. Empörend aber ist es, daß nun die»gute Gesellschaft« zu ihr nicht gehörige Personen, wie die Dienstboten, zu Werkzeugen ihrer Höflichkeitslügen herabwürdigt, als wären jene nicht selbst Persönlichkeiten. Kein Wunder, wenn der so beschädigte Wahrheitssinn nun mehr und mehr zugrunde geht, und nur gerechte Strafe, möchte man sagen, wenn die zu Gunsten der Herrschaft befohlene Lüge nun zur frei- willigen Lüge wird zu ihrem Schaden. 4

Die Ehre auf der Grundlage des menschlichen Würdebewusstseins. .(Direkte subjektive Ehre.)

Da ich nun auf meine Ehre nur halten kann, soweit ich ein Gefühl derselben habe, und da die wahre Ehre nur auf der Würde der Person ruht, so ist es vor allen Dingen nötig, daßz ich über das Wesen der menschlichen, also hier meiner, Würde nicht irre, daß ich sie nicht suche in dem was ich habe, sondern in dem was ich bin.

Aus der Verwechslung dieser beiden Seiten entspringen Stolz, Hochmut, Dünkel, Auf- geblasenheit, Eitelkeit und als Kehrseite des Hochmutes Schmeichelei und Kriecherei, für deren Entstammung aus gleicher Wurzel mit ihrem scheinbaren Gegenteil Immanuel Kant in seinen Schriften zur Anthropologie und Pädagogik eine zutreffende Erklärung beibringt. 5⁵) Stolz giebt es von verschiedener Art. Da ist zunächst der Geldstolz, eine charakteristische Erscheinung unserer Zeit, die aber auch anderen Zeiten nicht fremd war. Der Geldstolz bei dem, der den Besitz ererbt und nicht erworben hat, aber noch häufiger derjenige des Emporkömmlings. Hat der letztere wenigstens oft das Verdienst durch Arbeit, nicht selten auch durch redliche Arbeit zu seinem Ziele gelangt zu sein, so artet sein Geldstolz dagegen noch leichter als bei jenem, dessen Besitz

) Ausg. in 10 Bd. Leipzig 1834, Bd. 10, S. 302.»Einstmals,« sagt er,»fragte mich ein sehr ver- nünftiger rechtschaffener Kaufmann, warum der Hochmütige jederzeit niederträchtig sei(jener hatte nämlich die Erfahrung gemacht, daß der mit seinem Reichtum Großthuende beim nachher eingetretenen Verfalle seines Vermögens sich auch kein Bedenken machte zu kriechen). Meine Meinung war diese, daß der Hochmut das Ansinnen an einen andern ist, sich selbst in Vergleichung mit jenem zu verachten, ein solcher Gedanke aber niemand in den Sinn kommen kann, als nur dem, der sich selbst zur Niederträchtigkeit bereit fühlt, der Hochmut selbst an sich schon von der Niederträchtigkeit solcher Menschen ein nie trügendes vorbedeutendes Kennzeichen abgebe.