Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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7 Größe zu huldigen und somit auch das Verständnis für die wahre menschliche Würde sei besonders verbreitet und lebhaft. Aber die Unterschiedlosigkeit solcher Feiern inbezug auf die Gegen- stände, da sie neben wahrhaft großen Ereignissen und bedeutenden Personen, auch unwichtigen Veranlassungen gelten und minderwertigen, ja unwürdigen Personen zuteil werden, muß Zweifel an dem richtigen Urteil der Feiernden hervorrufen, und überdies gilt nur zu oft leider das Wort Goethes:

Ja, wer eure Verehrung nicht kennte! Euch, nicht ihm baut ihr Monumente.

Es dürfte in der That nichts schaden, wenn dieser Trieb zu feiern mehr in die Tiefe gelenkt würde, wenn er sich nur anschlösse an das wahrhaft Würdige und die wahrhaft Würdigen und selbst eine treibende Kraft lebendig machte zur Hebung eigener-Würde. Aber man braucht nur flüchtig hineinzuschauen in unsere Tageslitteratur, nur oberflächlich hineinzu- hören in eine der vielen öffentlichen Versammlungen, seien sie politischer, seien sie kirchlicher Natur, so erschrickt man vor dem würdelosen Ton, der oft dort herrscht, namentlich wenn der Parteigeist wachgerufen ist, und vor dem Mangel an Ehrfurcht vor verdienstvollen Personen, wenn sie nicht zu der Partei gehören, zu der man geschworen hat. Selbst die höchste Ver- tretungskörperschaft des Reichs liefert solche Beispiele.

Das erschwert auch die Pflege wahrer Ehrfurcht bei der Jugend, die doch ein so wichtiger Bestandteil ihrer geistigen Entwicklung und ihrer Charakterbildung ist. Da gilt es die Jugend selbst auf einen sicheren Boden zu stellen, daß sie nicht durch Parteigeschrei irre geführt und zur Nichtachtung fremder menschlicher Würde gebracht werden kann.

Aber eine nicht minder schwere und doch wesentliche Aufgabe der Erziehung ist es, das wahre Gefühl eigener Würde bei der Jugend zu pflegen. Wir selbst, die wir die Jugend zu erziehen haben, Eltern und Lehrer insbesondere, wir müssen eine heilige Achtung haben vor dem Keim menschlicher Würde, welcher in der Jugend ruht. Nicht zwar der Hinblick auf das, was unsere Söhne und Schüler einmal an angesehener Stellung in der Welt etwa erreichen können, darf uns bestimmen, wie er jenen Lehrer, von dem Luther einmal erzählt, veranlaßte vor seinen Schülern als künftigen Ratsherrn, Gelehrten und Würdeträgern den Hut abzunehmen; nicht das in unbestimmter Zukunft Liegende haben wir in der Jugend zu ehren, sondern jenen Keim mensch- licher Würde, der in jedem liegt ohne Unterschied von Stand und Rang der Eltern. Diese Rücksicht mußs auch das ganze Verfahren der Erziehung regeln. Nie darf man das bei aller nötigen und heilsamen Strenge vergessen, auch da nicht, wo es oft schwer ist dessen eingedenk zu bleiben. Jedenfalls muß das unwürdige Gefühl der Furcht aus dem Kreise der Erziehung verbannt werden, das wohl gut ist, Pferde und Hunde abzurichten, nicht aber charaktervolle Menschen heranzubilden. Ehrfurcht und Furcht sind nicht zu verwechseln.

Handelt es sich bei der Achtung der Jugend um ein Werdendes, so handelt es sich bei der Verehrung des Alters um ein Gewordenes, ja manchmal um ein Gewesenes. Auch hier entspricht oft die Wirklichkeit der Idee nicht. Die naturgemäße Voraussetzung ist, daß mit den Jahren die menschliche Würde zunehme, nun nicht mehr bloß eine Mitgift der Geburt, sondern eine selbst erworbene sei. Aber ein gewisser Trieb nicht alt sein zu wollen hindert oft die Würde der höheren Jahre, auch macht sich nicht selten Selbstsucht in erhöhtem Maße geltend. Wie es aber auch sei, es wird schlecht um die menschliche Gesellschaft bestellt sein, wenn die Ehrfurcht vor dem Alter aus ihr schwindet. Auch dann noch ist in ihm die Würde der Menschennatur zu achten, wenn bei Abnahme der Körperkraft auch