Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Schwächen und Fehler nicht Anwesender zum Gegenstand der Unterhaltung gemacht werden, dem eigenen Gewissen folgend, die Partei der Wehrlosen zu nehmen. Aber auch mit solchen Mutbeweisen ist die Mannesehre nicht ausgemessen, sie ruht auf der Würde der ganzen Per- sönlichkeit, und von diesem Mutbeweis als Erfordernis der Ehre kann auch das weibliche Ge- schlecht nicht freigesprochen werden. Es zeigt sich also sogleich in diesen Punkten die Ein- seitigkeit landläufiger Grenzbestimmung zwischen männlicher und weiblicher Ehre.

Glaubten wir nun gegen Richard Rothe den Begriff besonderer Geburtsehre in dem ausgeführten Sinne ablehnen zu müssen in Übereinstimmung mit dem Worte Fausts, daßz man das von den Vätern Ererbte erst erwerben mußz. um es zu besitzen, und mit der Forderung, datz der durch seine Geburt besonders Begünstigte in erhöhtem Maße verpflichtet sei, sich be- züglich seines Anspruchs auf Ehre zu legitimieren, so halten wir es andererseits für unzweifel- haft, daß durch heilsame Thätigkeit für die Menschheit eine erhöhte Würde, also auch eine erhöhte Ehre erworben werden kann. Gott, sei Dank, es fehlt der Menschheit nicht an solchen personen. Auf dem Rechtswege kann ein Anspruch auf Anerkennung dieser gesteigerten Ehre freilich nicht geltend gemacht werden, aber man wird sich gedrungen fühlen, den so durch ihr Verdienst über das gewöhnliche Maß erhabenen Personen auch in erhöhtem Maße Ehre zu erweisen, sie zu bewundern und zu verehren, erfreut darüber, daß sich in ihnen die allgemeine menschliche Würde in so vollkommener Weise offenbart. Nur darf man nicht jene dämonischen Naturen wie Napoleon I., die Person gewordene Selbstsucht, mit den wahrhaft würdevollen und edlen Personen wie Kaiser Wilhelm I. verwechseln und sich nicht irre machen lassen dadurch, daß jemand den Beinamen des Großsen trägt.

Muß schon überhaupt die Erziehung der Jugend sich auf die Ehrfurcht gründen, in oberster Spitze vor Gott, dann aber auch vor den Menschen, welche der Jugend gegenüber die besonderen Würdenträger sind, so ist ein wohlverstandener Heroënkultus ein wesentlicher Be- standteil der Jugenderziehung; nur muß die Ehrfurcht vor der Person sich über sie hinaus er- heben zu den Gütern menschlicher Würde, welche durch die Heroën persönliche Gestalt gewonnen haben. In diesem Sinne ist der Heroëénkultus in der Erziehung zu pfiegen, nicht aber in dem Sinne lügenhafter Schönfärberei, wie sie wohl ein eitles und unwahres Nationalgefühl hervor- bringt. Auch muß man die Heroën nicht bloß an der Spitze von Heeren und auf den Schlacht- feldern suchen.

Ein Kennzeichen wahrer gesteigerter Menschenwürde aber wird es sein, daß der Träger derselben dieser Huldigung der Ehrfurcht nicht bedarf, daß er sie zwar nicht mit Menschenver- achtung zurückweist, aber weder nach ihr strebt, noch durch Vorenthaltung derselben sich ge- krünkt fühlt, sondern daß er bei allem Würdebewußtsein sie in wahrer Demut auf die Quelle hinzuleiten sucht, aus der ihm die Kraft zu so erhöhter menschlicher Würde fließt. Leider haftet menschlicher Größze oft ein kleinlicher Zug an, und wo wir rein und ungestört bewundern möchten. stoßen wir auf Spuren menschlicher Unvollkommenheit. Nicht jeder sonst bedeutende Mann gleicht Friedrich dem Großzen, der eine ihm geltende Karrikatur tiefer hängen ließ, damit man sie bequemer sehen könne. Daß es Napoleon I. an wahrer Würde und Größe fehlte, kann man aus den kleinlichen Zügen seines Betragens noch auf St. Helena sehen, wenn man es nicht auch sonst wüßte.

Wenn nun jetzt Denkmale auf Denkmale errichtet werden, Jubeltage über Jubeltage gefeiert im Andenken an Ereignisse der Vergangenheit oder zu besonderer Ehre dieser oder jener verstorbenen oder noch lebenden Person, so könnten wir leicht glauben, das Bedürfnis der