Doch auch in dieser mystischen Auffassung erscheint die besondere Königswürde als ein Aus- fluß des königlichen Amtes. Selbstverständlich ist, daß in dem Fürsten die ihm schon auf Grundlage seines Königsamtes gebührende Majestät geachtet wird, und daß in der erblichen Monarchie ein anderes Verhältnis des Fürsten ist als des Präsidenten in der Republik; ja be- greiflich, daß auch auf den voraussichtlich zukünftigen Träger dieser Würde, oft nicht zum Vorteil desselben, schon ein Abglanz derselben fällt. Hierauf weiter einzugehen, möchte uns jedoch von unserem Wege ablenken, gehört auch nicht an diese Stelle.
Hatten wir mit dieser Frage bezüglich der Geburtsehre den allgemeinen Boden ver- lassen, so erscheint doch die andere Frage unabweisbar und jenem allgemeinen Boden angehörig, ob nicht dem natürlichen Unterschiede der beiden Geschlechter entsprechend auch ein zweifacher Begriff der Ehre aufgestellt werden müsse. Der Sprachgebrauch leistet dem Vorschub, jedoch nur mit einer gewissen Einseitigkeit. Nach ihm beruht einerseits die weibliche Ehre auf der Jungfräulichkeit oder auf der ehelichen Treue, andererseits die Mannesehre vornehmlich auf dem, was Mannhaftigkeit genannt wird. Auf das erstere weiter einzugehen, ist jedenfalls hier nicht der Ort; nur darauf mag hingewiesen werden, daßz die Verehrung der Jungfräulichkeit sich bis zu einer besondern Heiligerklärung derselben auf religiösem Boden gesteigert hat, und zwar nicht erst in der christlichen Welt; dem andern hingegen näher zu treten, scheint uns gerade hier zweckentsprechend.
Die Manneswürde und somit die Mannesehre wird namentlich in drei Eigenschaften gesucht, die schließlich wohl einer Wurzel entstammen, in thatkräftigem Mut, im Ernst des Charakters und in voller Zuverlässigkeit in Wort und That. Unzweifelhaft muß ein wahrer Mann diese Eigenschaften besitzen, aber ausgemessen ist damit der Begriff der Mannesehre nicht, noch weniger aber ist es zutreffend, wenn man das sogenannte point d'honneur) als ausschlaggebend ansieht, bei dem man sich alles andere erlauben kann, wenn man nur mit der Waffe bei der Hand ist, bei jeder wirklichen oder vermeintlichen Beleidigung Genugthuung zu fordern. Doch davon später.
Ein viel größerer Beweis von Mut als dieser stets kampfbereite liegt jedenfalls in der unbedingten Wahrhaftigkeit, die sich nicht beugen läßt durch die Furcht vor Mächtigen und Hochgestellten, nicht durch die Sorge, einen Vorteil zu verlieren oder einen Nachteil zu erleiden. Hier handelt es sich in der That um ein wesentliches Bestandstück der Manneswürde. Bewußte Unwahrheit ist eine Fälschung der eigenen Persönlichkeit und somit unverträglich mit der Ehre, welche auf der Unversehrtheit persönlicher Würde beruht, aber deshalb auch nicht bloß für die männliche, sondern auch für die weibliche Ehre verhängnisvoll. Diesen Mut der Wahrheit besitzt mancher Mann mit dem kitzlichsten point d'honneur nicht. Zu jenem ersteren aber, nicht zum letzteren, sollte der Knabe von früh auf erzogen werden.
Ein noch schwierigerer und desto ehrenvollerer Beweis des Mutes ist es in den schlechten Ton eines Gesellschaftskreises, dem man durch die Umstände angehört, oder in den man hineingeraten ist, nicht einzustimmen, sondern ihm, auch wenn man von niemand unter- stützt wird, entgegen zu treten; oder wo mit leichtfertigem Urteil und„»geistreichem« Spott
*) Im Dictionnaire de l'Académie finde ich folgendes Wort von Saint Foix, das der französischen Anschauung entsprechen muß, da es sonst dort keine Stelle gefunden haben würde. Le point d'honneur est parmi nous un moyen adroit, par lequel on fait produire à la vanité les effets de la vertu. Als ob Eitelkeit mehr als scheinbare Tugendwirkungen hervorbringen könnte und nicht die Tugend selbst verfälschen und untergraben müßte.


