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Rechtfertigung und Begrenzung dieser Abhandlung.
So mag es auch gerechtfertigt sein, aus dem Gebiete der Sittenlehre, in welchem Wesen und Wert der Ehre ihre Stelle haben, die Ehre für sich herauszunehmen und einer Einzelbehand- lung zu unterwerfen; gerechtfertigt auch, das zu thun in der Einladungsschrift einer höheren Lehranstalt; denn nicht nur für die hier zusammenwirkenden Eltern und Lehrer ist Klarheit nötig über den schon in das Schulleben eingreifenden Begriff der Ehre, auch für die er- wachsenen Schüler, die demnächst in das thätige oder wissenschaftliche Leben treten sollen, ist Klarheit hierüber erwünscht. Vielleicht bemüht sich doch auch aus diesem Kreise ein oder der andere, in das Wesen der nachfolgenden Auseinandersetzungen einzudringen.
Daß in diesem beschränkten Rahmen nicht eine vollständige, erschöpfende Behandlung der vielumfassenden Frage, namentlich nicht nach der geschichtlichen Seite, gegeben werden kann, versteht sich von selbst. Wagte ich mich doch nicht einmal in das Gefilde des Ruhms, wo schon das Goethesche Wort:
Ehre verloren— viel verloren! Mußt Ruhm gewinnen, Da werden die Leute sich anders besinnen,
zu einer ganzen Abhandlung Anlaß geben könnte. Ich mußte darauf verzichten, unsere Dichter zu begleiten, soweit die Ehre als dramatisch bewegende Kraft auftritt, wieviel mehr die fremden Dichtungen. Auch eine kritische Behandlung hervorragender Bearbeitungen der vorliegenden Frage mußte unterbleiben, und nur selten wird einmal ein fremder Gewährsmann herangezogen oder ein fremdes Urteil abgewiesen. Doch fühle ich mich mancher tüchtigen Schrift, die ich zu Rate zog, dankbar verpflichtet. Nicht unerwähnt will ich hier lassen die Rektoratsrede von Professor Karl Binding zu Leipzig vom 31. Oktober 1890 über die Ehre und ihre Verletzbarkeit, welche nach Form und Inhalt den Beifall verdient, den sie gefunden hat.
Die Ehre als unmittelbarer Ausfluss der Menschenwürde. (Objektive Ehre.)
Glücklicherweise leitet uns die geschichtliche Entwicklung unserer Sprache auf einen festen Punkt, von dem man mit Sicherheit ausgehen kann. Wir folgen der bewährten Führung des Grimmschen Wörterbuches. Von ihm werden wir nun hingewiesen auf ein althochdeutsches era(mittelhochdeutsch êre), das uns zu einem gothischen Abstraktum»aisa« leitet, dem ein Konkretum»ais« zugrunde liegen müfte, jenes Glanz, dieses glänzendes Metall, dem la- teinischen»aes« verwandt. So nimmt der Begriff Ehre also seinen Ursprung von einer realen Eigenschaft des Gegenstandes, auf den er bezogen wird, nicht von der subjektiven Anschauungs- weise der Betrachtenden.
Dem entsprechend erscheint auch noch in der That das Wort Ehre an vielen Stellen der Lutherschen Bibelübersetzung auf Gott bezogen. In Psalm 42 heißt Gott der König der Ehren; seine Ehre erzählen die Himmel(Psalm 19); die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und alle Völker sehen seine Ehre(Psalm 97); die Ehre des Herrn ist ewig(Psalm 104); seine Ehre gehet, soweit der Himmel ist(Psalm 113). In dem 145sten Psalm ist von der herrlichen schönen Pracht seines Königreiches und in gleicher Bedeutung von der ehrlichen Pracht des- selben die Rede. So entspricht dem»Ehre sei Gott in der Höhel« das»gloria in excelsis!« und gloria ist bekanntlich wiederum gleichbedeutend mit Glanz, wie sich aus dem Glorien- oder


