Aufsatz 
Wesen und Wert der Ehre / von Friedrich Eiselen
Entstehung
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Schwankender Gebrauch des Wortes Ehre bei grosser Wichtigkeit eines klaren Begriffes von derselben.

In den mannigfaltigsten Verbindungen und Zusammensetzungen, in den verschiedensten Redewendungen begegnet uns das Wort»Ehrec. In dieser sich oft widersprechenden Mannig- faltigkeit zeigt sich eine große Unklarheit des Begriffs, zeigt sich aber auch zugleich, daß die Ehre ein großes Gut ist oder wenigstens dafür gilt.

Wo wir auch hinblicken, sei es in die nächsten Dinge, wie sie uns jetzt umgeben, sei es in den Verlauf der Geschichte bei unserm Volke, bei andern Völkern von der alten bis in die neusete Zeit, nur geringer Aufmerksamkeit bedarf es, wahrzunehmen, welche Bedeutung dieses Gut hat im Leben der einzelnen, in engeren und weiteren Kreisen, im Leben der Völker.

Zahllose Zweikämpfe, plutige Schlachten, langdauernde Kriege wurden der Ehre wegen ausgefochten; manch einer hat um ihretwillen selbst Hand an sich gelegt. So erscheint sie als eine blutige Gottheit, der Opfer auf Opfer fallen. Aber auch unendliche Schleichwege wurden um ihretwillen eingeschlagen, listige Fäden gezogen, Rechtsstreitigkeiten geführt. An den Höfen der Fürsten findet sie ein reiches Feld ihrer Thätigkeit, doch verschmäht sie auch den Boden der Republiken nicht. Wollte sie wenigstens ihre unheilvolle Wirksamkeit auf die Höhen der Gesellschaft beschränken und auf das Leben der Erwachsenen, aber schon auf den Schulbänken läßt sie sich nieder, und Ehrgeiz vergiftet schon die Seelen kleiner Knaben und Mädchen.

Doch andererseits finden auch um der Ehre willen die mühseligsten und gefahrvollsten Unternehmungen statt, die kühnsten Heldenthaten, die aufopferndste Hingabe des Lebens. Sie treibt den Forscher in die todbringenden Klimate, sie spornt zu ausdauernder Arbeit an, sie macht den Tod für das Vaterland süß. Und wenn auch um der Ehre willen unser geselliges Leben von Unwahrheit und Täuschung, von Eifersucht und Feindschaft durchflochten ist, so verschönert und verfeinert sie es doch auch.

Wie soll man in dieses Wirrsal anscheinender Widersprüche Klarheit bringen, wo den festen Punkt finden, von dem man mit Sicherheit ausgeht? Klarheit aber zu gewinnen, ist nötig, denn Urteile und Handlungen werden in sehr vielen Fällen von der Vorstellung der Ehre be- bestimmt; ist diese unklar, so müssen auch jene unklar oder unsicher ausfallen.

Anmerkung: Als ich im vorigen Winter im akademischen Lehrerverein über diesen Gegenstand einen Vortrag hielt, lehnte ich die Drucklegung ab; jetzt glaube ich die völlig umgearbeitete und erweiterte Abhandlung dem Druck übergeben zu dürfen. Die Klarheit, welche mir damals noch nicht erreicht schien, hoffe ich erreicht zu haben.

Musterschule 1894. 1