14 1. 2. 3 erwähnten Verfahren für den Schüler erwächſt, wohl den Grundſatz aufſtellen dürfen, daß ein Fehler, der nicht während der Stunde beſprochen wird, ebenſo gut uncorrigirt geblieben wäre.
Beſehen wir uns jedoch dieſe relativ beſte Methode(Nr. 5) etwas genauer.
Angenommen in einer Claſſe von 40— 50 Schülern ſei die Summe aller Fehler eines cor⸗ rigirten Scriptums 200— 300, was eine Durchſchnittszahl von 5 Fehlern auf den Kopf ergäbe, und offenbar nicht zu hochgegriffen iſt.
Zur Beſprechung derſelben ſoll höchſtens eine Stunde verwilligt werden. Dieſe Stunde ent⸗ hält jedoch nur 50 Minuten, und nach der Freiviertelſtunde noch weniger, denn einmal ſind zwiſchen jeder Stunde geſetzlich 5 Minuten Pauſe erlaubt, und dann gehen am Ende jeder Stunde noch einige Minuten ab, in denen der Lehrer die neue Aufgabe ſtellt und den durchgenommenen Lehrſtoff, ſowie die eine oder andere Bemerkung in's Claſſenbuch einträgt.
Es bleiben alſo, wenn man 50 Minuten auf 300— 200 Fehler gleichmäßig vertheilt, zur Beſprechung eines Fehlers nur 10— 15 Secunden übrig, wobei noch nicht in Anſchlag bringen darf, daß auch zum Aufſchlagen und Weglegen der beſprochenen Hefte immer einige Zeit nöthig iſt; ebenſo wird es wohl in jeder Stunde vorkommen, daß man den einen oder andern zu tadeln, die eine oder andere Entſchuldigung anzuhören hat, wodurch die Durchſchnittsſumme von 10— 15 Secunden eben⸗ falls noch verringert wird.
Nun beobachte man doch einmal mit der Secundenuhr auf dem Pult, wiviel Secunden ver⸗ laufen, um darauf aufmerſam zu machen, daß der Schüler N. virdus mit d geſchrieben habe, und um dieſen Fehler von irgtnd einem Schüler verbeſſern zu laſſen.
Und doch iſt dies nur ein einzelnes Wortbild. Viel mehr Zeit iſt ſchon erforderlich, um die Frage beantworten zu laſſen, weshalb etwa mensis und nicht mensarum ſtehen müſſe. Häufig knüpft ſich auch an die Beſprechung eines Fehlers eine kleine Debatte zwiſchen dem Lehrer und dem Schüler oder zwiſchen den Schülern unter einander, deren Werth gar nicht zu unterſchätzen iſt.
Daraus erhellt, daß 50 Minuten keineswegs ausreichen, um 200— 300 Fehler in„dialogiſcher Form“ zu beſprechen(mögen auch manche, die ſich wiederholen, ſchneller erledigt werden), zumal wenn man ſich bei einzelnen etwas länger aufhalten will oder muß, daß alſo die meiſten entweder ganz unbeſprochen bleiben oder carrouſelartig vor dem Ohre vorübergeführt werden.
Daß dem ſo iſt, weiß jeder Lehrer; daher dürften die S. 18 der Verhandlungen ꝛc. gebrauchten Worte„man ruhe nicht, bis gehörig verſtanden“, bei reiflicher Ueberlegung wohl beſſer ungeſagt geblieben ſein. Und wenn noch überall eine ganze Stunde auf die Beſprechung der Correctur ver⸗ wendet werden dürfte. Woher kommt denn aber in der Secunda einer Realſchule, wo nur 4 Stunden für Latein, 4 Stunden für Franzöſiſch und gar nur 3 für Engliſch angeſetzt ſind, die Zeit zur Lectüre von einigen Büchern Cäſar und ausgewählter Abſchnitte im Ovid, wenn man 2 Stunden auf Gram⸗ matik und Beſprechung der Correctur verwenden wollte?
Iſt alſo ſchon die Kürze der Zeit ein Hinderniß der nachdrücklichen Befeſtigung richtiger Vor⸗ ſtellungen oder Vorſtellungsreihen an Stelle der gemachten Fehler, ſo wird der Nutzen, den man von der Beſprechung erwarten könnte, noch weiterhin beeinträchtigt durch die bunte Mannigfaltigkeit der Fehler, die dem Ohre vorgeführt werden. Bald iſt ein Wort, ein Buchſtaben oder Zeichen ausge⸗ laſſen oder zu viel geſetzt, bald ein Verſtoß gegen die Orthographie, gegen Formenlehre und Syntax, gegen Synonymik ꝛc. gemacht worden.


