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Schon gleich beim Ueberhören der memorirten Regel wird ſich herausſtellen, daß der eine Knabe beſſer der andere ſchlechter präparirt iſt, je nachdem Fleiß, Anlagen und häusliche Verhält⸗ niſſe der Schüler verſchieden ſind. Die Folgen davon machen ſich aber ſogleich beim mündlichen Ueberſetzen der lateiniſchen und deutſchen Uebungsſätze und zuletzt in einem größern oder geringeren Quantum von Fehlern in den ſchriftlichen Arbeiten geltend.
Faſſen wir nun den pſychologiſchen Hergang beim Ueberſetzen der lateiniſchen Uebungsſätze etwas näher in's Auge; als Beiſpiel diene der Satz:
Probus invidet nemini. die ä. Gſ.*) probus reproducirt, . die i. Gſ. probus, die i. Gh. probus, die i. Gſ. der Gerechte, die i. Gh. der Gerechte, f. die ä. Gh. der Gerechte(„cf.§. 18).
2) Derſelbe Hergang wiederholt ſich bei„invidet“.
3) Eine Aenderung tritt ein bei dem dritten Wortbild„nemini“. Hier muß pſychologiſch noth⸗ wendig der Ablauf der Vorſtellungen zunächſt folgender ſein, da die Vorſtellungen nemini= Niemandem durch die Declinationsübungen aneinander geknüpft ſind.(§. 14).
a. die ä. Gſ. nemini reproducirt,
b. die i. Gſ. nemini,
c. die i. Gh. nemini,
d. die i. Gh.„Niemandem“,
e. die i. Gſ.„Niemandem“,
f. die ä. Gh.„Niemandem“(§. 18).
Nun iſt dem deutſchen Schüler durch längere Uebung ſeiner Mutterſprache bei Verbindung von dem Zeitwort„beneiden“ mit einem Object der Accuſativ geläufig; der Ablauf der Reihe„beneidet Niemanden“ wird aber durch die Geſichtsvorſtellung nemini gehemmt.
Daher das momentane Stocken beim Ueberſetzen der erſten Sätze, obſchon die Regel ſo eben erſt durchgenommen wurde. Zugleich wird jeder anfangs ein unbehagliches Gefühl bei dieſem Stocken in ſich beobachten können, das Waitz S. 302 das Gefühl der getäuſchten Erwartung nennt; dasſelbe entſteht aus dem vergeblichen Verſuch, das Accuſativobject Niemanden mit der Geſichtsvorſtellung nemini verſchmelzen zu laſſen.
Die Hemmung wird aber überwunden durch die Erinnerung an die Regel, die als Urtheil auf⸗ tritt:„nemini heißt zwar eigentlich Niemandem, aber als Object zu invidet— Niemanden“.
Je raſcher dies Urtheil zur Hand iſt, um ſo ſchneller wird die Reproduction der Vorſtellung d (Niemandem) durch die Vorſtellung e(nemini) gehemmt, um ſo glatter geht die Ueberſetzung vor ſich. 3
Die Uebung kann als vollendet angeſehen werden, wenn die neu gebildeten Verknüpfungen ſo feſt ſind, daß ihre Glieder ablaufen, ohne daß das Fällen des Urtheils fernerhin ins Bewußt⸗
1) Probus
F
*) Der Kürze halber wollen wir Geſichtsvorſtellung mit Gſ.; Gehörvorſtellung mit Gh.; äußere mit ä, innere mit i bezeichnen.


