Aufsatz 
Die Correctur sämmtlicher Hefte durch den Lehrer ist nutzlos : Versuch einer psychologischen Begründung dieser Behauptung / [Dute]
Entstehung
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Wie ſchwer die Laſt der Correctur drücken kann, das habe ich während meiner Wirkſamkeit an der Realſchule zu Barmen vom Herbſt 1862 bis dahin 1863 erfahren und durch das Seufzen zahl⸗ reicher Collegen beſtätigen hören*).

Die Correctur der wöchentlich angefertigten Exercitia von V mit 60 Schülern, von III A mit 50 und II A mit 48 Schüler, ſowie der alle zwei Wochen eingelieferten Aufſätze von III A erfor⸗ derte einen wöchentlichen Zeitaufwand von 8 10 Stunden genug, um Mittwoch und Samſtag Nachmittag oder den Sonntag oder fünf Abende mit einer geiſtloſen, aufreibenden Beſchäftigung aus⸗ zufüllen.

Für wiſſenſchaftliche Beſchäftigung blieb theils wenig Zeit, theils hatte man bei der ewigen Abſpannung keine Luſt dazu.

Daß aber Barmen in ſeiner Art nicht einzig da ſtand, das haben mir verſchiedene dortige Collegen bezeugt, die ſchon an mehreren andern größern Schulen des preußiſchen Staates unterrichtet hatten.

Es iſt darnach wohl nicht zu viel behauptet, daß an großen Schulen mit vollen Claſſen die Correctur mehr als ein Drittel der Zeit und Kraft in Anſpruch nehme, welche der Lehrer ſeinem Amte widmen muß..

Wenn nun aber trotz aller Klagen immer ruhig weiter corrigirt wird, wenn die Directoren⸗ conferenz ſogar zuerſt nachdrücklich hervorhebt, daß der Lehrer erdrückt werde unter der Maſſe und Laſt der Correcturen, daß ſeine Mühe überdies zum großen Theil eine fruchtloſe ſei und hinten⸗ nach faſt einſtimmig beſchließt, daß es bei der herkömmlichen Methode ſein Bewenden haben ſolle, dann ſcheint es faſt, als ob alle Lehrer der Anſicht ſeien, bei einer Modification der heutigen Cor⸗ rigirmethode, geſchweige denn bei gänzlichem Fallenlaſſen jeglicher Correctur ſei das Lehrziel ſchlechter⸗ dings nicht zu erreichen.

Dieſe Einſtimmigkeit habe ich jedoch nicht gefunden; ich habe vielmehr ſchon manche Stimmen ſich für eine Aenderung der jetzt herrſchenden Methode ausſprechen hören.

Einige meinten, zur Erreichung des Lehrziels im Rechnen ſei eine Correctur der ſchriftlichen Arbeiten durch den Lehrer keineswegs nöthig, andere urtheilten ebenſo hinſichtlich der Einübung der Orthographie; wieder andere glaubten, die Correctur ſämmtlicher Aufſätze in den obern Claſſen ent⸗ behren zu können, es genüge, wenn man einige wenige corrigire und der Beſprechung in der Claſſe zu Grunde lege; endlich erinnere ich mich noch einiger Aeußerungen, dahin gehend, daß zwar die Correctur lateiniſcher und griechiſcher Exercitien beizubehalten ſei, daß man aber von der Correctur franzöſiſcher und engliſcher Arbeiten Abſtand nehmen könne, weil dies lebende Sprachen ſeien.

Ferner hat auf einer im letzten Sommer zu Wilhelmsbad bei Hanau abgehaltenen Verſammlung mittelrheiniſcher Gymnaſiallehrer ſich Dr. Dunker aus Hanau gegen das jetzige Corrigiren ausgeſprochen.

Auch auf der erwähnten Directorenconferenz herrſchte wenigſtens keine völlige Einigkeit über die Beibehaltung der jetzt herrſchenden Methode.

*) Man hat auch ſchon früher geſeufzt. Cellarius, längere Zeit Rector in Merſeburg und Zeitz, geſtorben als Prof. der Beredtſamkeit in Halle 1707 klagt:

Quantum aliis ad voluptates et ad ipsam requiem animi et corporis conceditur temporum, quantum tribuunt deambulationibus, amicis salutandis, aleae et conviviis, tantum seduli literatores exercitiis suorum o ingens et horrendum monstrum purgandis et emandandis sumunt.