Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
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Demungeachtet haben wir an Beiden grosse deutsche Dichter für alle Zeiten gewonnen. Ein Lied wie Hölty's: Schwermuthsvoll und dumpfig hallt Geläute Vom bemoosten Kirchenthurm herab, ¹) ein Lied, wie Max Schenkendorff's: Erhebt euch von der Erde, Schon wiehern uns die Pferde Ihr Schläfer aus der Ruh', Den guten Morgen zu! ³) es hätte genügt, die Sänger für alle Zeit festzuhalten in der Erinnerung seelenverwandter Menschen. Und Solchen auch Denen, die vielleicht ihren Lauf durch die irdische Welt erst antreten werden, wann Der, welcher seinem Max Schenkendorff diese Blume jetzt zu pflanzen sich bestrebt, ihm nach- gezogen sein wird bleibe hier noch einiges aus seinem lieben Leben aufbewahrt.

Es hat vielleicht nie ein fröhlicheres und zugleich zart wehmüthigeres Wesen gegeben, als Max Schenkendorff. Man darf allerdings auf Dichter überhaupt das alte, wunderliche Witzwort anwenden:Lachen und Weinen in Einem Sack. Ihm aber ganz vorzüglich stand die Vereinigung tiefster Wehmuth und rücksichtslos kindlichster Fröhlichkeit zu Gebot. Auch eine Lust zur Neckerei ergriff ihn bisweilen, aber dergestalt harmloser Natur, dass man wohl zuversichtlich behaupten darf, er hat nie Jemanden damit wehe gethan, auch nicht einmal unabsichtlich, denn der freundliche Blick seines grundehrlichen Auges, der liebreiche Klang seiner kräftigen Stimme offenbarte unverkennbar die Gutmüthigkeit, welche den Grund seines ganzen Wesens und Handelns bildete.

Am herzlichsten konnte er jedesmal sich selbst auslachen, und wo den Freunden ein Scher⸗z gegen ihn selbst recht vollständig gelang, galt ihm das als ein Fest, und Niemand konnte lieber davon erzühlen und die Erinnerung daran fester und vollständiger bewahren, als er. Auch nicht der leisesten Aufwallung einer Empfindlichkeit gegen Freunde vermag ich mich während der reichen und rasch bewegten Periode zu erinnern, die wir mitsammen im Felde verlebten, während ihn immerdar ein feiner Takt beseelte, ihn an allem hindernd, was den Freunden auch nur entfernt hätte lästig oder störend fallen können. Gleich fast allen Dichtern labte er sich gern am Genusse des Weines, aber stets blieb dies ein edler und würdiger Genuss, den Geist beflügelnd, statt ihn zu bewältigen. Unsre kleinen Beiwacht- und Lagerfeste im vertrauten Kreise gewannen stets durch Max ihren heitersten Schmuck, während oft zugleich die Thräne der wehmüthigen Rührung um seine fernen Lieben, oder um die in das ewige Reich vorangerufenen Freunde in seinem schönen Auge funkelte. ³)

Keineswegs auch war seine Gegenwart als Nichtkrieger und damals noch nicht Uniformirter nutzlos oder gleichgültig für den äusserlichen Gang des Kriegsdienstes. Einem seiner liebsten Freunde, zu selbiger Zeit Generalstabs-Offizier der Brigade, ging er in Korrespondenz- und andern Geschäfts- sachen treulich und rüstig zur Hand, wofür er der Gastlichkeit an des edlen General von Röder Beiwacht-Tafel genoss, und ihm sein einziger Gaul gepflegt und gefüttert ward. Gehalt und An- stellung hatte er damals noch gar nicht, und man durfte ihn wohl den Freiwilligsten aller Frei- willigen nennen, wenn er so, fast waffenlos und wegen seiner gelähmten Hand so gut als wehrlos, mit uns Gerüsteten und Rüstigeren, wenn auch nicht die Gefahren des Einhauens, so doch die des Kugelregens freudiglich theilte. Ja, freudiglich im schönsten Sinne. Denn Alles, was Max that, that er im christlich heitern, kindlich vertrauenden Aufblick zu Gott. Er gehörte recht zu den ernsten, aber fröhlichen Gottesjüngern, die berufen sind, den wunderlichen Wahn durch ihr ganzes Sein und Wesen widerlegen zu helfen, als sei der Dienst des Schöpfers und das getreuliche Hinschauen auf Gottes Offenbarung schwermüthige Kopfhängerei, oder leite doch dazu hin.4) Emporschaun zum 1) Plegie auf den Tod eines Landmädchens, Ged. pag. 106. 2) Soldaten-Morgenlied pag. 91. 3) Vgl. pag. 14. 4) Vgl. pag. 23.