— 29—
Aus Max von Schenkendorff's Leben. Erinnerungen von L. M. Fouqué. ¹)(vgl. pag. 4, c, 1).
Einer Auferstehung ähnlich war das Begegnen vieler treuen Unterthanen des Königs von Preussen zur Errettung des Vaterlandes mit den Waffen zur Hand, im Jahre 1813.— Bekannte, einander längst fern, zum Teil fast entfremdet, ungewiss vielleicht jeder über Leben oder Tod des andern, trafen sich nun freudiglich an auf der gleichen schönen Bahn der Treue, der Ehre, der Hoffnung, und verstanden sich dort in dem grossen, auf die Ewigkeit hindeutenden Zeitmoment besser und schöner, als es ihnen je manch ein ehedem in äusserlicher Nähe verlebtes Jahr mochte beschieden haben.— Die aber, welche sich früher in schönen Ahnungen ihrer Herzen und Geister verwandt gefühlt hatten, umfassten jetzt einander jubelnd in dem begeisternden Gefühl:„Das war das Rechte! Das wollten wir! Dafür walleten unsre Herzen! Nun steigt es uns empor als ein leuchtendes Gestirn!“— Andre dagegen, bisher von den Wogen des Lebens auseinander getrieben, so dass höchstens der eine Schwimmer vielleicht von dem andern wusste, nicht aber die Bekanntschaft noch gegenseitig gediehen war, fanden sich jetzt in grosser Freude und Innigkeit zum Bruderbunde zusammen. So Max von Schenkendorff und der Verfasser dieser Zeilen. Schenkendorff hatte mancherlei von Fouqué's Druckschriften gelesen, und freute sich auf dessen persönliche Bekanntschaft, während seine eigne Muse noch einstweilen nur im engern Kreise von Freunden und Bekannten laut geworden war, und geziemende Würdigung gefunden hatte. Der Schreiber dieser Zeilen legt das Bekenntniss ab, dass er nicht alsbald zur gehörigen Anerkennung von Schenkendorff's poetischer Gabe gelangte. Es ward in jenen Tagen so Viel und grossentheils Wackres gesungen, aus tüchtiger Gesinnung hervorgehend, dass die eigentliche Musenbegabung dabei fast nur als Nebensache erschien. Ein ganzes Volk, begeistert von Liebe für König und Königshaus und Vaterland, von ehrliebendem Schmerz um unverdient erlittene Schmach, von neu erwachtem Gottvertrauen und gläubigem Hoffen, athmete in dergestalt poetischer Stimmung(dem schönsten Sinne des Wortes nach), dass der leiseste Anhauch von Musengunst hinreichte, um die Rede zum Gesange zu gestalten. So hielt denn auch Fouqué die ersten Lieder seines Max Schenkendorff, die ihm zu Gesichte kamen, minder für eigentliche Dichterwerke, als für Gemüthsergüsse der oben angedeuteten Art. Max hatte sich und sein Leben so rücksichtslos der grossen Wiederherstellung von Christenglauben, Ehre und deutscher Selbst- ständigkeit geweihet, wie vielleicht wenig andre es von sich rühmen dürfen. Wäre er auch kein Dichter gewesen, sein Leben wär' ein rühmliches Gedicht geblieben an und in sich selbst.— Durch einen seinerseits sehr unverschuldeten Zweikampf sah er schon in frühen Jünglingsjahren seine rechte Hand dergestalt gelähmt, dass an Führung von Klinge und Zügel zugleich durchaus für ihn, bei aller sonstigen Rüstigkeit seines Körpers, nicht mehr zu denken war. Dabei hatte ihn sein Geschick an der Seite einer unaussprechlich geliebten Gattin, und in Begleitung einer ihm sehr theuern Stieftochter nach dem südlichen Deutschland in die Provinzen des Rheinbundes geführt, so dass er diese theuern Pfänder zurücklassen musste, um sich in die Reihen der für das heilge Recht gegen den revolutionären Schwindeldespotismus Frankreichs wieder erwachenden Kämpfer mit ein-
1) Friedrich H. K. Baron de la Motte Fouqué, geboren 12. Februar 1777 zu Brandenburg, 1794 in Militär- diensten, 1813 Lieutenant bei den freiwilligen Jägern, später meist auf dem Gute Nennhausen, 1831 in Halle, wo er Vorlesungen über Geschichte der Poesie hielt, 1842 in Berlin, gestorben 23. Januar 1843, gehört zur Gruppe der späteren Romantiker.(Diese Notiz nach H. Kurz, Leitfaden der Geschichte der deutschen Literatur, 2. Aufl., Leipzig 1865, pag. 270.)


