Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
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das in allen Schichten der Königsberger Bevölkerung grosses Aufsehen und allgemeine Teilnahme erregte, brachte ihn für immer um den Gebrauch seiner rechten Hand. Fouqué vergleicht ihn später mit Gõtz von Berlichingen:

Die Hand, wie ihm, dir lahm geschossen,

In einem viel zu frühen Kampf. ¹)

Kaum jedoch war diese Wunde geheilt, da wurde am 19. Juli 1810 dem Dichter und mit ihm allen Preussen und Patrioten eine tiefere geschlagen durch den Tod der edlen Königin Luise, deren abgeschiedenen Geist in Verbindung mit all den Heldengestalten, die früher für Deutschlands Grösse ihr Leben in die Schanze geschlagen hatten und bereits Märtyrer der heiligen deutschen Sache geworden waren, Körner in seinemAufruf von 1813 als segnende Genien auf das unglückliche Preussen- volk herabruft. Da singt Schenkendorf:

Rose, schöne Königsrose, Gilt kein Beten mehr, kein Hoffen Hat auch dich der Sturm getroffen? Bei dem schreckenvollen Lose?*)

und wendet sich an den tief gebeugten und schwer getroffenen König mit den Worten: Herr und König schau nach oben, V Wo in Himmels weiten Fernen Wo sie leuchtet gleich den Sternen, Alle Heilige sie loben. ³)

Der Tod der allgeliebten Königin versetzte alles in tiefe Trauer und düstere Stimmung. Doch wunderbar! Die letztere verschwand bald, und eine, wenn auch mit tiefer Wehmut gemischte freudige Hoffnung auf eine baldige Wiedergeburt und Erhebung des preussischen Volkes setzte sich in den Gemütern fester und fester. In Königsberg traten für Schenkendorf nach und nach empfind- liche Lücken in seinem Bekanntenkreise ein; ein nicht zu überwindendes Gefühl der Verlassenheit be- mächtigte sich seiner und brachte in ihm den Entschluss hervor, Königsberg zu verlassen und nach Karlsruhe überzusiedeln. Hier vermählte er sich am 15. Dezember 1812 mit der Witwe seines Königsberger Freundes Barckley, die er in zahlreichen früheren Gedichten schon besungen und als seines Geistes holde Braut) gefeiert hatte. Schenkendorf verkehrte hier ganz besonders im Hause Jung-Stillings,des Biedermanns von alter Art, des Gotteszeugen, Christushelden), dessen pietistischer Standpunkt mit der schwärmerischen Richtung der romantischen Schule in naher Verbindung stand und auf die Gestaltung seines religiösen Charakters einen entschiedenen Einfluss gewann. Durch Jung-Stilling fand Schenkendorf freundliche Aufnahme in einen gewählten Kreis von Männern und Frauen, in welchem, wenngleich bei der Eigentümlichkeit der Zusammensetzung der Schwerpunkt der Unterhaltung in religiösen Betrachtungen lag, doch auch ästhetische und litterarhistorische Erörterungen keineswegs fehlten. In dankbarer Erinnerung an die in Karlsruhe verlebte Zeit schrieb später Frau von Schenkendorf:Das badische Land werde ich immer im treuen Herzen tragen, denn in ihm habe ich die glücklichste Zeit des Lebens zugebracht und solche Freunde erworben, wie ich sie auf Erden nirgends gefunden habe. Schenkendorf riss sich zuweilen gern aus dem Umgang mit Seelen los, diedas Erdenleben an den Himmel knüpften, um sich namentlich in den schattigen Gängen des Schlossgartens anderen Anschauungen hinzugeben. Oft erzählte er,mit welcher Andacht er dort die Nachtigallen belauscht und dies glückliche Geschlecht beneidet habe, dem es vergönnt

1) An Max von Schenkendorf. 1. Lied, 4. Str. pag. 255.

2) Auf den Tod der Königin, 1. Str. pag. 21.

3) Auf den Tod der Königin, 6. Str. pag. 22.

4) Aus der 1. Strophe des GedichtsDer Scheidenden pag. 30.

5) Vgl. 8. Str. des GedichtsAn Vater Stillings Geburtstage pag. 183.