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fürs Leben zu haben.“ ib. pag. 8:„Als Auerswald(früher Präsident in Marienwerder) Landhof- meister und Oberpräsident in Königsberg wurde, hatte Dorow die Freude, in dessen Hause eine Masse der ausgezeichnetsten Menschen kennen zu lernen, welche die Anwesenheit des Hofes in Königsberg und auch Napoleons Verfolgungswut dahin gebracht hatten. Die Grafen Wilhelm und Karl von der Gröben, Karl von Münchow, Ernst von Kanitz und Ferdinand von Schrötter verkehrten in der Familie; die einzelnen Glieder standen in dem lebhaftesten Ideenaustausch unter einander.“—
Ein anderer Kreis that sich ihm auf im Barkleyschen Hause, wo die geselligen Zusammen- künfte nicht oberflächlicher Zerstreuung, sondern den höchsten geistigen und sittlichen Interessen gewidmet waren.„Mit der wärmsten Teilnahme wandte man sich den litterarischen Erzeugnissen der romantischen Schule zu, die, obgleich sie sich nicht selten in einem träumerischen Halbdunkel mit einer bloss poetischen Symbolik der Kirche abzufinden suchte, doch das alte Sagenbuch der deutschen Nationalpoesie wieder aufschlug und auf die alten Burggeister weisend überall im Stillen deutschen Sinn und deutsches Recht weckte und an Tugenden erinnerte, die der Gegenwart not thaten“. Besonderen Beifall gewannen August Wilhelm Schlegels Jon, Tiecks Genovefa, Novalis' Ofterdingen, Kleists Käthchen von Heilbronn und Fouqués Undine. Unter den Damen, die an diesem regen Geistesleben teilnahmen, zeichnete sich besonders aus Henriette Gottschalk, die Ver- fasserin der„Sternblumen“, die„als Ergiessungen einer wahrhaft gottergebenen Seele“ bezeichnet worden sind.
Bei der Schenkendorfs Wesen eigentümlichen Weichheit und seiner Vorliebe für die Romantik erklärt sich leicht seine anfängliche Abneigung gegen die Politik. Dieser Stimmung hat er in den Worten:
Die Harfe schweigt im Kriegsgetümmel ²)
deutlichen Ausdruck gegeben. Als aber die politischen Verhältnisse bei dem Bekanntwerden der am 9. Oktober 1806 erfolgten Kriegserklärung Preussens eine ganz andere Gestalt angenommen hatten und durch diesen lange erwarteten Schritt eine mächtige Wirkung in alle Schichten des Volkslebens hineingetragen war, da liess auch Schenkendorf die Saiten seiner Lyra erklingen und dichtete sein erstes Kriegslied ²). Dieses erste Erzeugnis in der Reihe seiner Kriegslieder nannte er bezeichnend„Volkslied“, und wir sind wohl berechtigt, dasselbe als den Prolog der späteren Vaterlandslieder anzusehn, deren Gipfel- und Höhepunkt uns in dem schon vorher erwähnten „Frühlingsgruss an das Vaterland“ erreicht scheint.
Mit seinem Freunde Ferdinand von Schrötter gab Schenkendorf im Jahre 1807 die Zeitschrift „Vesta“ heraus, deren Vorwort folgendermassen lautet:
„Der Geist Attila's schreitet furchtbar einher und droht die Welt mit seinen Gigantenplänen zu verwüsten; eine unglückschwere Wolke scheint über dem Schicksale der Völker zu schweben, und die Verzweiflung wohnt in den Gemüthern des Haufens. Doch lebt noch Griechenlands Geist in den Edleren; es wiederholt sich die Zeit der Heroen in Fürsten und Bürgern. Mag auch der gemeine Sinn zahllos verkörpert in dumpfem Brüten seiner Angst sich selbst verlieren: ein er- habener Geist ist der Charakter dieser Zeit. Die entgegengesetzten Kräfte behaupten den Kampf- platz, das Verjährte zu vernichten, um aus dem Chaos eine neue, königliche Schöpfung zu ent- wickeln. Länder schwinden, Fürsten fallen, eine goldene Zukunft winkt; denn die Wahrheit muss der Lüge trotzen, und das Rechte Sieger sein.— In diesem Glauben über alle Zweifel triumphirend, auf eigne Kraft und auf seinen Gott vertrauend, darf kein edler Geist aus den Schranken seiner
1) 4. Str. aus dem Gedicht„An eine Orangenblüte“ pag. 5. 2) am 20. Oktober 1806; Gedichte pag. 12.


