Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
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Am deutschen Eichenstamme Du meiner Jugend Amme, Du frisches, grünes Reis, Nimm hin des Liedes Preis! ¹) genoss der Jüngling die Freiheit des akademischen Lebens, ohne sich deshalb einem wild studentischen Treiben in die Arme zu werfen. Den Eltern, die in ihren Anschauungen und Bestrebungen sonst sehr weit auseinandergingen, gefiel das genialische Auftreten des Sohnes um so weniger, als derselbe mit den ihm knapp zugemessenen Mitteln nicht auskam. Die Folge davon war seine Verweisung nach Schmauch ²) in die Erziehungsanstalt eines Geistlichen, Dr. Ernst Hennig, der sich vorzüglich mit der Erforschung der altpreussischen Geschichte beschäftigte. Dem Jüngling, der freie akademische Luft geatmet hatte, konnten unmöglich der leidige Zwang und die einengenden Fesseln einer peinlichen UÜberwachung zusagen; aber auch abgesehen hiervon verstand es Hennig nicht, anregend auf seinen Zögling zu wirken und sich in dessen Herzen eine Stätte zu erobern. Schenkendorf selbst bezeichnet diesen zweijährigen Aufenthalt als einSibirien und suchte die durch die Verhältnisse bedingte Verstimmung durch Wanderungen in die gesegneten, von der Passarge durchflossenen Gefilde zu verbannen; die Einsamkeit gewährte ihm Erholung und Genuss. Dies ersehen wir aus einer Reihe von Briefen, in denen er sich über diese Zeit der Verbannung und die Stimmung ausspricht, die ihn während derselben beherrschte. Hören wir ihn hierüber selbst:An die Einsamkeit bin ich von Kindheit an gewöhnt, und sie mag wohl meinem Charakter die Rauhigkeit gegeben haben, die Hennig und meine Mutter so sehr tadeln. Ich befinde mich aber sicher wohl dabei. Die mehrsten Menschen halten für Schwärmerei, wenn man von einem vertrauten Umgang mit der Natur spricht. Ich kann es aber sehr wol empfinden, was Vergil in der letzten Ekloge, die für mich beinahe die schönste ist, sagt:Non canimus surdis, respondent omnia silvae³) Ich bin kein Freund vom Einspinnen und biete auch dem Winter die Hand und die offene Brust. Er concentriert die Em- pfindungen, die in der Wärme hinschmelzen, er stählt den Geist wie den Körper, und der Norden überwand das Abendland. Bald lernte er in dem nahe gelegenen Hermsdorf den trefflichen Landgeistlichen Wedecke kennen,einen herrlichen Mann von einfachem, echtem Gemüt, echter Sittlichkeit, reinem Wahrheitssinn und einfachem, patriarchalem Stil, dessen schönes Familienleben uns Schleiermacher alseinen kleinen Himmel auf Erden schildert. Dieser durch und durch ehren- werte Charakter gewann Einfluss auf die Geistesrichtung und Gemütsstimmung des Jünglings, der hier vielfache Anregung und mannigfache Belehrung über Preussens und Deutschlands Vorzeit in sich aufnahm. Durch Wedecke fand Schenkendorf Eingang in die Familie des Burggrafen Karl Ludwig Alexander zu Dohna, Erbherrn von Karwinden und Schlodien, in welcher eine ernst religiöse Richtung und feine Geistesbildung heimisch waren. Auch das Haus der gräflich Kanitzschen Familie in Podangen durfte er bald als seine geistige Heimat ansehn. So fand er in diesem Geist und Gemüt gleich anregenden Verkehr in den adeligen Kreisen jener Gegend reichen Ersatz für die Widerwärtigkeiten, die das streng geübte Hofmeisteramt Hennigs ihm bereiteten. Aber neben der landschaftlich schönen Natur, den geistigen Eindrücken seiner Umgebung, der Erweckung und Vertiefung seiner religiösen Anschauungen wirkte auf Schenkendorf die Nähe der Schauplätze des deutschen Ritter- ordens und seiner einst so mächtigen Thätigkeit. Später singt er: Auf der Nogat grünen Wiesen Das die frommen deutschen Riesen Steht ein Schloss in Preussenland, Einst Marienburg genannt.¹) Ganz besonders aber wirkte auf ihn der Verkehr mit edlen Frauen; durch das Studium des

weiblichen Gemüts hatte er ein Bewusstsein des wahren menschlichen Wertes gewonnen. Die Worte

1) 27. Str. pag. 133. 2) 1802. 3) Verg. Buc. Ecl. 10, 8.(Nicht tönt Tauben das Lied; Antwort giebt allem der Bergwald. Voss). 4) 1. Str. aus dem GedichtDas eiserne Kreuz pag. 52.