Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

ergoss sich in brausenden Wogen durch die deutschen Lande. An jeden Patrioten trat der Ge- danke und der Wunsch heran, dass jene grossen Männer, deren ganzes Leben und Streben der Verwirklichung dieses Ideals zugewandt war, deren Urnen aber schon längst mit Eichenkränzen ge- schmückt sind, aus ihren Grüften emporsteigen und das deutsche Vaterland in seinem schönsten Schmuck, in seiner glorwürdigen Herrlichkeit schauen könnten. Eine stolze Reihe edler Helden- und Dichtergestalten würde an unsern staunenden Blicken vorüberziehen und frohlockend und segnend wiederzu dem alten deutschen Rate, den im ritterlichen Staate ewig Kaiser Karl regiert mit

der Botschaft zurückkehren: Unser Volk ist aufgewacht!

Unter ihnen würden einen hervorragenden Ehrenplatz die Männer einnehmen, die man als den Sängerkreis der Freiheitskriege bezeichnen kann: vor allen E. M. Arndt, der grosse Franzosenfeind, der Wächter der Rheingrenze, der Demosthenes der Freiheitskriege, der begeisterte Prediger von der Herrlichkeit deutschen Volkstums und deutscher Einheit, dergleichsam ein gutes altes deutsches Gewissenan die Ewigkeit seines Volkes geglaubt; ferner Max von Schenkendorf, welcher der Kaiseridee in seinen Liedern am lautesten Ausdruck gegeben; Theodor Körner, dessen Schwester Emma der Dichter die herrlichen Worte in den Mund legt:

Du hast dein eig'nes Ehrenmal gesetzt im deutschen Hain; Aus Leiergold und Schwertesstahl wird's unvergänglich sein; und der eben angedeutete Friedrich Rückert selbst, der in seinen geharnischten Sonetten das ver- sunkene Nationalgefühl am mächtigsten aufgerüttelt. Von den vorerwähnten Dichtern erlaube ich mir im folgenden das Lebensbild desjenigen in seinen Hauptzügen vorzuführen, in welchem sich wie bei keinem andern Sänger der Freiheitskriege die Durchdringung des deutschen und christlichen Geistes vollzogen hat, und der es demnach am besten verstand, den Patriotismus jener Zeit durch die Romantik und den christlichen Glauben zu veredeln: das Lebensbild Max von Schenkendorfs. Wundern muss man sich freilich, dass die hohe Bedeutung dieses Dichters noch immer nicht allgemein gewürdigt ist; denn selbst seine Kriegslieder, welche die geprüfteste Hingabe ans Vaterland, den Geist edler Ritterlichkeit, die gesundeste Begeisterung für des deutschen Volkes Vergangenheit und Zukunft an den Tag legen, sind doch, obgleich auch sie in den Gesang übergingen, nicht zu der verdienten Anerkennung gelangt. Aber vielleicht ist gerade ihr hoher Adel, ihre grössere Weichheit, vielleicht auch ihre durchgehende Religiosität, für welche die grössere Masse weniger Empfänglichkeit hat, die Ursache davon, dass neben den volksmässig kraftvollen Vaterlandsliedern E. M. Arndts, die zumeistechte Kinder der Geschicke und Gefühle unserer Tage, Kinder des Augenblicks und der Gelegenheit, am unverkennbarsten die Stimmung jener grossen Zeit ausdrücken, und neben den von hoher Begeisterung und reinstem Jugendfeuer erfüllten Dichtungen Th. Körners die mehr weichen, elegischen, rührend ergreifenden Poesien des Kaiserherolds weniger eine gewaltig aufrüttelnde und mächtig ergreifende Wirkung ausübten. ¹) Durch die Dichtungen aus der Zeit der Freiheits- kriege weht unverkennbar Schillers Geist. Er, der sein ganzes Leben um der Menschheit höchste Ziele gerungen, der durch die grossen freiheitlichen Gedanken, die er im Don Karlos, im Tell, in der Jungfrau von Orleans und im Wallenstein ausgesprochen, zündenden Freiheitsstoff in das Volks- leben hineingeworfen hatte, kennt kein anderes Vaterland als ein einiges, grosses, mächtiges und keine andere Freiheit als die, welche in der Sittlichkeit wurzelt; und diese Freiheit war es, welche die Herzen in edlem Selbstgefühl zu Trotz und Hass gegen den fremden Dränger entflammte bis in den Tod. Es weht in jenen Liedern, die rein und voll erklingen liessen, was das Schwert im

17) vgal. Karl Bartheldie deutsche Nationalliteratur der Neuzeit, 8. Aufl., Berlin 1870, pag. 57.