Aufsatz 
Aufgaben, Methode und Bedürfnisse unseres Unterrichts in der Chemie
Entstehung
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handelt werden. Da die wichtigſten Baſen erſt bei den Metallen erſcheinen, ſo wird der Schüler mit den Salzen erſt in dem Maße bekannt, als er Bekanntſchaft mit den betreffenden Metallen macht.

Der Unterricht beginnt mit der Darſtellung des Sauerſtoffes. Der Schüler ſieht ſich die pracht⸗ vollen Verbrennungen darin an; es werden ihm die Eigenſchaften der Verbrennungsprodukte nachge⸗ wieſen, ob ſauer, ob baſiſch, u. A. m. Nach dem Sauerſtoff wird der Waſſerſtoff vorgeführt, nach dieſem der Stickſtoff, hierauf folgen etwa Schwefel, Phosphor, dann die Haloide und den Schluß bilden meiſtens Kohlenſtoff, Bor und Silicium. Man frage ſich nun, was der denkende Schüler von der Chemie, die ihm auf dieſe Weiſe vorgeführt wird, als Wiſſenſchaft halten muß? Daß man mit dem Sauerſtoff beginnt, kann damit motivirt werden, daß derſelbe das wichtigſte Element, daß er mit den ſtärkſten Affinitäten ausgeſtattet iſt, daß ohne ihn kein Leben gedacht werden kann u. A. m. Mit welchem Recht aber handelt man nach ihm den Waſſerſtoff ab, der doch in ſeinen chemiſchen Eigenſchaften dem Sauerſtoff ſo un⸗ ähnlich iſt, wie nur möglich? Und wollte man ſelbſt dem Schüler die Elemente nach der Stärke ihrer Affinität vorführen, was wieder zu anderen Unzuträglichkeiten führen müßte: man würde dadurch doch das Unrecht nicht verhüten, das man dem Schüler gegenüber an der Wiſſenſchaft begeht. Man macht dieſem eine große Reihe ihm mehr oder minder imponirender Verſuche vor, die nicht im mindeſten Zu⸗ ſammenhang ſtehen, die er theilweiſe bewundert und anſtaunt und ſo lange behält, als eben ſein Ge⸗ dächtniß dafür ausreicht. Er gewöhnt ſich daran, die Chemie nicht als Wiſſenſchaft zu achten, ſondern ſie mitunter ganz amüſant zu ſinden. Wenn dann aber nach glänzenden Experimenten weniger in die Augen fallende Verſuche gemacht weeden, ſo ſchleicht ſchon das Gefühl der Langweile bei ihm ein und wenn ihm zeitweiſe gar ein conſequentes Denken zugemuthet wird, wie bei der Stöchiometrie z. B., ſo findet man und oft gerade bei den beſſeren Schülern etwas wie Verdroſſenheit, ja Abneigung dagegen. Ich erinnere mich noch wohl des entmuthigenden, niederſchlagenden Eindruckes, den dieſe faſt jährlich wiederkehrende Erfahrung in mir erweckte, ſo lange ich nach dieſer Methode unterrichtete. Und doch muß zugeſtanden werden, daß dieſe Erſcheinung pſychologiſch begründet iſt, daß ſie durch falſche Behandlung des Stoffes hervorgerufen wird. Den Schüler, der in allen übrigen Fächern zum Denken angeregt und das Material derſelben logiſch zu behandeln gelehrt wird, führt man in eine neue Wiſſen⸗ ſchaft wie man ihm ſagt ein, ſtellt aber von Anfang an die heterogenſten Dinge nebeneinander; man führt ihm die Ergebniſſe der Wiſſenſchaft in einer kunterbunten Reihe vor, in welcher er ſowohl, wie der Lehrer ſelbſt, nicht die geringſte Doſis von Logik entdecken kann. Da kommt nach dem ſtark angreifenden Sauerſtoff der ſchwache Stickſtoff oder Waſſerſtoff; nach den Haloiden wird der dieſen ſo unähnliche, aber wichtige Kohlenſtoff abgehandelt, darnach, wieder die unbedeutenden Elemente Bor und Kieſel; es werden im Verlaufe weniger Wochen bei der Chemie des Chlors die Salzſäure, bei der des Schwefels die Schwefelſäure, bei der Chemie des Phosphors die Phosphorſäure, bei Gelegenheit des Stickſtoffs die Salpeterſäure dargeſtellt und abgehandelt: Körper, die, was Art der Entſtehung und Zer⸗ ſetzung, chemiſche Affinität, Salzbildung, überhaupt chemiſche Eigenſchaften betrifft, ſo unähnlich ſind, wie nur möglich. Kann es Wunder nehmen, daß bei dieſer Behandlungsweiſe dem Schüler aller Reſpekt vor der Chemie, als logiſcher Wiſſenſchaft, genommen wird und er ſie ausſchließlich durch das Gedächtniß beherrſcht?

G Seit drei Jahren iſt an unſerer Schule für den chemiſchen Unterricht das Lehrbuch von Dr. Rudolph Arendt) eingeführt. Seit dieſer Zeit iſt ein beſſeres Streben in unſere Schüler gekommen, deſſen Urſache nur in der vorzüglichen Methode dieſes trefflichen Buches zu ſuchen iſt. Da die pädagogiſche Fehlerhaftigkeit der älteren Lehrmethode bei einer Vergleichung mit der Arendt'ſchen grell in die Augen ſpringt, ſo erlaube ich mir, letztere in kurzen Zügen hier darzulegen.

Die Vorzüge der Arendt'ſchen und die Fehler der alten Methode hier einander entgegen zu ſtellen ſcheint mir im Augenblick um ſo weniger überflüſſig oder nicht mehr wohl angebracht zu ſein, als uns ein namhafter Chemiker, unter deſſen Leitung ich meine erſten analytiſchen Arbeiten im Laboratorium machte und den ich als Lehrer ſehr hoch ſchätze, vor 3 Jahren von der Anſchaffung dieſes Buches eruſtlich abrieth. Er ſtellte das Buch und die Methode Arendts als etwas ſo Großes, ſo ſchwer zu Ueberwältigendes hin,

*) Leipzig, bei Leop. Voß.