Aufsatz 
Aufgaben, Methode und Bedürfnisse unseres Unterrichts in der Chemie
Entstehung
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und mit ausgezeichneten Lehrmitteln verſehen ſind, ſteht die Chemie gegenüber den übrigen Naturwiſſen⸗ ſchaften in zweifacher Hinſicht zurück.

Die naturgeſchichtlichen Fächer ſind, trotzdem ſie erſt in neuerer Zeit obligatoriſche Ge⸗ genſtände geworden ſind, ſchon gut ausgebildet. Das Ziel iſt ziemlich feſtgeſtellt und der Unterricht wird im Allgemeinen einheitlich betrieben. Auch die Phyſik iſtt viel beſſer geſtellt, als die Chemie; ſie iſt ſchon ſeit viel längerer Zeit Unterrichtsgegenſtand der Schule, ihr Stoff iſt viel anſchaulicher und die methodiſche Behandlung, durch jenen vorgeſchrieben, bietet keine beſonderen Schwierigkeiten. Während der Schüler von früheſter Jugend an pyyſikaliſche Erſcheinungen beurtheilen und von einander unter⸗ ſcheiden lernte, d. h. während er durch ſeine Lebenserfahrung zur Ueberzeugung von phyſikaliſchen Geſetzen kommt, konnte er durch dieſe Lebenserfahrung allein zu keinem einzigen chemiſchen Geſetze gelangen. Machen wir uns dieſen mächtigen Unterſchied durch einige Beiſpiele klar. Schon in früheſter Jugend nimmt der Menſch phyſikaliſche Anſchauungen in ſich auf. Er lernt feſte Körper von flüſſigen unterſcheiden, Wärme von Kälte, Licht von Finſterniß; der Unterſchied der Körper in Bezug auf Schwere, Härte, Farbe wird bald gefunden; die Schwere wird leicht als allgemeine Eigenſchaft zugeſtanden. Später werden auch aus anderen Zweigen der Phyſik praktiſche Erfahrungen gemacht. Das Bild eines am anderen Ufer ſtehenden Gegenſtandes führt zur Reflexion, die Thatſache, daß ein aus klarem Waſſer ſchief herausſtehender geradliniger Gegenſtand unter der Waſſeroberfläche eine andere Richtung zu haben ſcheint als oberhalb, zur Brechung des Lichtes. Eine zwiſchen den Zähnen und Fingern geſpannte Saite gibt den Anlaß, die Schwingungen der Saite und die dadurch hervorgerufenen höheren und tieferen Töne mit einander zu vergleichen. Die Beobachtung der Gewitter kommt dem Schüler ſpäter an der Electriſir⸗ maſchine zu gut.Wie leicht begreift er, daß die abſolute Feſtigkeit größer iſt, als die relative, da er ja aus Erfahrung weiß, daß er einen Stab leichter zerbrechen als zerreißen kann. Es iſt wohl nicht nothwendig mit Aufzählung ähnlicher Thatſachen fortzufahren. Es erhellt aus ihnen, daß der Unterricht in der Phyſik weniger neue Vorſtellungen nnd Begriffe in dem Schüler erweckt, als meiſt ſchon vorhandene in präciſere Form und logiſche Ordnung bringt.

Steht es nun um den Unterricht in der Chemie ebenſo günſtig? Wird er auch durch vorhergehende Erfahrungen im Leben vorbereitet und unterſtützt? Stellen wir uns einige chemiſche Erſcheinungen vor. Wenn der Knabe das Brennen einer Stearinkerze beobachtet, ſo bemerkt er das Schwarzwerden des

Dochtes, er ſieht, wie das feſte Stearin flüſſig wird, wie der Docht die Flüſſigkeit aufſaugt, wie Docht und Kerze unter Entwickelung von Licht und Wärme immer kleiner werden. Er ſieht blos die phyſi⸗ kaliſchen Veränderungen; von dem eigentlichen chemiſchen Proceß hat er nicht die leiſeſte Ahnung. Daß durch die Verbrennung Kohlenſäure und Waſſer entſtehen, entgeht ihm vollſtändig. Wenn eiſerne Gegen⸗ ſtände roſten, ſo iſt es das Rothwerden des Eiſens, das beobachtet wird; daß dabei das Eiſen Sauer⸗ ſtoff aufnimmt, bleibt unbemerkt. Wenn wir Luft einathmen und dafür ein ſtark mit Waſſerdampf be⸗ ladenes Gasgemenge wieder ausathmen ſehen, ſo iſt durchaus unbekannt, woher dieſer Waſſerdampf kommt, ob das Gasgemenge außer dieſem Waſſerdampf noch andere Beſtandtheile hat und welche? Bei der Gährung, bei der Verweſung und Fäulniß, kurz bei jedem chemiſchen Prozeß ſind es nur die phyjikaliſchen Veränderungen, die ſich der Beobachtung darbieten, während der eigentliche Grund derſelben, der chemiſche Vorgang, auch dem aufmerkſamſten Beobachter geheim bleiben wird. Der Lehrer der Chemie iſt demnach viel übler geſtellt, als jeder andere Lehrer. Er führt ſeine Schüler in eine dieſen bis dahin vollkommen unbekannte Welt. Zu dieſem Zwecke müſſen natürlich Experimente gemacht werden und doch führen dieſe allein nicht zum Ziel. Denn da bei ihnen nur die phyſikaliſchen und nicht die chemiſchen Veränderungen der Beobachtung unterliegen, ſo muß der Schüler erſt noch Verſtandesoperationen machen, um zu ſeinem Schluß zu kommen. Es erklärt ſich hieraus, wie ungemein wichtig die Anordnung des Stoffes für die Erfolge im chemiſchen Unterrichte iſt.

Betrachten wir uns nun eines der zahlreichen im Gebrauch befindlichen Lehrbücher der Chemie. Im Ganzen wird mit unweſentlichen Verſchiedenheiten die Materie in gleicher Weiſe bewältigt und zwar ſo, daß dem Schüler zuerſt die Metalloide und dann die Metalle, die leichten meiſtens zuerſt, vorgeführt werden. Bei der Chemie der Metalloide ergeben ſich die wichtigſten Säuren, die in dem einen Lehrbuch bei dem betreffenden Element, in einem andern wieder in einem beſondern Abſchnitt zuſammen abge⸗