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nun nach Hugos Ansicht gründlich verkehrt; es widerspricht eben aller Wahrheit. Die Theatersprache, und zwar nicht nur die Prosa, sondern auch der Vers, soll jede Koketterie beiseite lassen; sie soll dem Zuschauer alles übermitteln:„français, latin, textes de lois, jurons royaux, locutions populaires, comédie, tragédie, rire, larmes, prose et poésie. Malheur au poète si son vers fait la petite bouche!“ Natürlich und wahr soll der Ausdruck im Drama sein.
Wenn nun Victor Hugo die Personen seiner Bühnenwerke so reden lassen wollte, wie es ihrer Gesinnung, ihrem Wesen, ihrer Zeit entsprach, so durfte er in sein Drama ebenso wenig wie die bekannten Einheiten die Sprache der klassischen Tragödie herübernehmen, die zwar gut zu dem von der Etikette beherrschten Zeitalter des„roi soleil“ paſtte, jedoch auf jede Charakterisierung der einzelnen Figuren durch ihr gesprochenes Wort verzichtete. Wollte er aber die Sprache im allgemeinen natürlich gestalten, so muſste er bei diesem Streben sein Augenmerk auch auf den Schmuck des Ausdrucks richten. Der beliebteste Schmuck der Rede ist nun die Metapher, die einen so wesentlichen Bestandteil der Sprache bildet, dals Esaias Tegnér diese überhaupt eine Bildergalerie von verblichenen Metaphern nennt.
Sollten auch die Bilder, welche Victor Hugo den Gestalten seiner Dramen in den Mund legt, natürlich klingen, so muſste sich der Dichter befreien von der tyrannischen Herrschaft der Académie; er mulste heraustreten aus dem Bannkreise jener in der höfischen Sprache sanktionierten Metaphern, die dem in starre Regeln eingeschnürten klassischen Drama eigen waren. Kühn muſste er in Regionen, welche der durch die strengen Satzungen der Asthetik gehemmte Fußs früherer Dichter nicht zu betreten gewagt hatte, eindringen und in ihnen neuen farbenreichen Schmuck für die poetische Sprache gewinnen.
Brinkmann hat in seinem geistvollen Buche über die Metaphern(pg. 127) rühmend Victor Hugos Verdienste um die Bereicherung der französischen Sprache hervorgehoben und ihn als denjenigen der französischen Dichter dieses Jahrhunderts bezeichnet, der die Metaphern- sprache am meisten kultiviert hat. Wohl jeder Kritiker, welches auch seine Stellung zu Victor Hugo und seinem dichterischen Werke sein mag, hebt die reich kolorierte Sprache des be- rühmten Romantikers hervor, und so konnte es denn von Interesse sein, eingehend zu unter- suchen, in welcher Weise Hugo speziell die Metapher gebraucht-
In den Kreis der folgenden Betrachtung wurden sämtliche Dramen Victor Hugos gezogen, nämlich Cromwell(C.), Marion de Lorme(Mr.), Hernani(H.), Le Roi s'amuse(R.), Lucrèce Borgia(L.), Marie Tudor(M.), Angelo(A.), Ruy Blas(Ry.), Les Burgraves (B.) und Torquémada(T.). Von dem Operntext Esméralda und den im„Théaätre en liberté“ erschienenen„dramatischen Wildlingen“ ¹) ist abgesehen worden. Ersterer liegt auſserhalb des Bereiches des eigentlichen Dramas, und letztere sind von dem Dichter selbst nicht für würdig befunden, in die Gesamtausgabe seiner Werke aufgenommen zu werden, sondern sind erst nach seinem Tode veröffentlicht.
Über die Verwendung der Metapher im klassischen französischen Lust- und Trauerspiel lagen schon eingehende Arbeiten vor, nämlich:
D. Meier, Vergleich und Metapher in den Lustspielen Molieres. Diss. Marburg 1885.
E. Degenhardt, Die Metapher bei den Vorläufern Molieres. Diss. Marburg 1886.
F. Schürmeyer, Vergleich und Metapher in den Dramen Racines. Diss. Marburg 1886.
H. Arendt, Die Metapher in den dramatischen Werken Corneilles. Diss. Marburg 1889.
N. Friedland, Vergleich und Metapher in Voltaires Dramen. Diss. Marburg 1895.
¹) cf. Joseph Sarrazin: Das moderne Drama der Franzosen. Stuttgart 1893, pag. 28.


