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Die Metapher in den Dramen Victor Hugos.
(. Bis 1830.)
Einleitung.
In der als Manifest der romantischen Schule so berühmt gewordenen Einleitung zu „Cromwell“ hat Victor Hugo erklärt, daßs das Drama eine Darstellung des gesamten Lebens sein solle, daſs der Dichter eines solchen Werks nicht nur das Schöne, sondern besonders das Charakteristische zum Ausdruck bringen müsse. Um dieses Ziel zu erreichen, genügt es nicht „de faire de la couleur locale“, d. h. bei einem sonst ganz konventionell gehaltenen Bilde nach- träglich einige grelle Lichter aufzusetzen. Nicht nur auf der„Oberfläche des Dramas“ soll sich das Lokalkolorit zeigen, nein,„im Herzen, gleichsam in allen Winkeln“ desselben,„wie der Saft, welcher aus der Wurzel bis in das äuſserste Blättchen eines Baumes empordringt.“ Das Drama soll förmlich„durchtränkt“ sein vom Geiste der Zeit, in welcher es spielt; die Luft, welche die Urbilder jener Gestalten atmeten, die der Dichter auf die Bühne bringt, soll von dieser gleichsam zum Zuschauer herüberwehen und ihn in das Jahrhundert, in die Welt dieser historischen oder erdichteten Figuren versetzen. Im Drama soll sich die Kultur einer bestimmten Zeit widerspiegeln, wahr, ungeschminkt, mit allem Erhabenen und Schönen, das sich in ihr schauen läſst, aber auch mit den häſslichen und grotesken Zügen, die ihr eigen waren; es soll alles deutlich erkennen lassen, was für jene bestimmte Epoche und die Menschen, die in ihr lebten, charakteristisch war. Daher müssen in der dramatischen Dichtung nicht nur die Auſserlichkeiten, Kostüme und Dekorationen, der Zeit und dem Schauplatz der Handlung entsprechend wiedergegeben werden, sondern es mußs sich vor allem im gesprochenen Wort die Ausdrucks- und Denkweise der Menschen jener Zeit in charakteristischer Art wahrnehmen lassen.
Dieses Ziel zu erreichen, war Victor Hugos Ideal, und um die„nullite de temps et de lieu“ zu beseitigen, die sich nach Demogeots Bezeichnung ¹) in den Tragödien Racines findet, um vielmehr ein farbenkräftiges Lokalkolorit zu erzielen, muſste er von der Bahn abweichen, auf welcher sich das französische Drama damals(namentlich unter Delilles Einfluſs) befand. Der Muse dieses Dramas erschien es anstöfsig, daſs auch Könige und Königinnen gelegentlich einen Fluch gebraucht haben:„IIl faut les élever de leur dignité royale à la dignité tragique.“ Und so suchte diese Muse, wie in der Vorrede zu„Cromwell“ weiter ausgeführt wird, sogar den wackeren Heinrich IV. zu adeln, indem sie aus seinem Munde das bekannte und von ihm so gern gebrauchte„ventre-saint-gris“ verschwinden lieſs. Ein derartiges Verfahren ist
¹) cf. Friedrich Brinkmann: Die Metaphern. Bonn, 1878, pag: 126.


