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durch die oben angeführten allgemeinen Grundsätze begründet. Sowohl die schulmässige Einübung, als auch die Forderungen der polytechnischen Schulen machen sie nothwendig. Es ist sicher kein ungünstiges Zeugniss für das Realgymnasium zu Wiesbaden, dass seine Zöglinge an polytechnischen Schulen, z. B. in Karlsruhe, ihrer mathematischen Durch- bildung wegen stets in besonders gutem Ansehen standen, allein das Mass ihrer Kennt- nisse genügt doch kaum, um ihnen die Aufnahme in die Ingenieur- und in die Maschinen- bauschule zu sichern. Fehlte ihnen die Differential- und Integralrechnung gänzlich, so würde sicher die Aufnahme nicht erfolgen, sondern die Adspiranten würden in die vorbe- reitenden mathematischen Classen verwiesen werden, Classen, welche im Allgemeinen der Prima des Realgymnasiums in Bezug auf den mathematischen Unterricht gleichstehen. Auch ist ja die Bedeutung dieses Theils der Mathematik, seiner heut zu Tage in allen technischen Fächern eingebürgerten Anwendung wegen, viel zu wichtig, als dass er von einer Anstalt mit den Zwecken des Realgymnasiums verbannt werden dürfte. Wollte man im Realgymnasium(nach siebenjährigem Unterricht in der Mathematik) die Schüler nicht mit den Grundlehren der Differential- und Integralrechnung bekannt machen, so würde uns das, besonders da viele später nicht darauf zurückgreifen werden(Forstleute, Bau- leute), ungefähr gerade so erscheinen, als wenn man an einem Gelehrtengymnasium nach 3 oder 4 jährigem Betreiben des Griechischen nicht Homer lesen wollte.
Die Infinitesimalrechnung bietet einen so naturgemässen Abschluss, in ihr können alle früheren Lehren so geeignet wiederholt und ergänzt werden, die Schwierigkeiten des Lehr- stoffes sind wirklich so gering und die Furcht der meisten Leute vor den Elementen dieses Capitels so gross, dass es schon darum zu empfehlen wäre, nicht auf diese Branche zu verzichten.
Sollten wir aus der neusten Zeit Beweise dafür erbringen, dass die Erfolge des mathematischen Unterrichts im Realgymnasium in Fällen, wo dieselben zu praktischer Geltung gelangten, auch bei Königlichen Behörden alle Anerkennung fanden, so würden wir keineswegs in Verlegenheit sein.
Auf den Zeichenunterricht werden im Realgymnasium in Prima und in Secunda wie in Tertia vier Stunden verwendet, von denen in Prima undiSecunda zwei, die für das Freihandzeichnen angesetzten, facultativ, die beiden anderen, für descriptive Geometrie und Licht- und Schattenconstructionen, so wie in Tertia alle vier Stunden obligatorisch sind. Das constructive Zeichnen(darstellende Geometrie, Perspective und Licht- und Schatten- lehre) hat für die Realschule die höchste Bedeutung, theils des mathematischen Unter- richtes, theils seiner selbst wegen. In ersterer Beziehung giebt es kaum ein besseres Mittel zur Vervollkommnung der Vorstellungsweise für räumliche Gebilde. Dabei bringt es die Anwendbarkeit der Lehren der Wissenschaft dem Schüler zum lebhaften Verständniss und übt es die Präcision in der Darstellung der Resultate derselben. Kenntniss des constructiven Zeichnens darf Keinem fehlen, der einen Beruf ergreifen will, für welchen die Realschule vorbereitet, weil es die Kunst der exacten Darstellung der Gedanken des Technikers und für seine specifisch technische Thätigkeit gleichsam dasselbe ist, was für die übrigen Lebens- und Berufsgeschäfte die gewöhnliche Schreibkunst ausmacht. Doch Kenntniss des


