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Die in Hessen-Darmstadt angesiedelten Waldenser entstammten dem Alpenthale Pragela, das in dieser Zeit noch französisch war. Nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes hatten sie in den benachbarten piemontesischen Thälern Unterkunft gefunden, bis ihre Glaubensbrüder die Heimat auch verlassen mussten. Im Jahre 1689 waren sie mit unter denen, die unter Arnaud's Führung die Heimat der Väter wieder erstritten. Im Jahre 1698 von neuem vertrieben, fanden sie zunächst in der Schweiz Unterkunft, bis ihnen durch den edelmütigen und staatsklugen Landgrafen Ernst Ludwig eine zweite Heimat gewährt wurde.
Die Ansiedelung war mit mannigfachen Schwierigkeiten verknüpft; dazu hatten sich die neuen Unterthanen an ganz andere Verhältnisse, an einen vollständig verschiedenen Betrieb des Ackerbaues zu gewöhnen. Nach kurzem Aufenthalte bei Rüsselsheim und Raunheim besiedelten die Glieder der Gemeinde Pragela, geführt von dem Prediger Moutoux, die herrschaftlichen Höfe im vorderen Odenwalde. Den Gemeinden Mörfelden-Gundhof(seit 1715 Walldorf genannt) und Neu- Kelsterbach war Prediger Papon ein treuer Seelsorger und Berater. Ueber die Absichten des Landgrafen in Bezug auf Neu-Kelsterbach belehrt uns eine Urkunde vom 18.(28.) April 1699, die mir aus dem Staatsarchive zu Zürich gütigst zur Verfügung gestellt worden ist. Darin heisst es: „Die Refugierte Franzoesische Manufacturiers und Handwerks-Leuthe, so sich zu Kelsterbach niederlassen wollen, seindt mitt in der Waldenser Tractat, so mit nechstem im Druck ausskommen wirdt, eingeschlossen, und nachdem Ihro Hoch- fürstl. Durchlaucht diesen Ortt zu einer Stadt zu machen gesinnet, so seindt Sie gnädigst resolviret, die Privilegien so oft als Sie sehen werden, dass es die Noth erfordert, zu verbessern, umb den Ortt vermittelst derselben mit Gottes Hülff in einen fleurissanten Stand zu setzen. Dieses Kelsterbach liegt auf dem Mayn zwischen Frankfurt und Maintz, zum Handel trefflich bequäm, und es ist zu hoffen, es dürffte dieser Ortt mit der Zeitt ein ander Mannheim oder Franckenthal abgeben.“
Diese Hoftnung hat sich aus Gründen, die ich an anderer Stelle eingehend besprochen habe*), nicht erfüllt. Offenbach, das zu jener Zeit noch isenburgisch war, hat die für Neu-Kelsterbach erwartete Entwickelung genommen. Aber auch dabei haben einen wesentlichen Anteil die Familien, die einst als französische Flüchtlinge hier eine zweite Heimat und ein weites Feld für ihre Thatkraft und für ihren Unternehmungsgeist gefunden haben.
Die in der Mainebene und im vorderen Odenwalde angesiedelten Waldenser waren Ackerbauer und Strumpfwirker. Vor einem Jahrhundert gab es noch 99 Webstühle in der Kolonie Rohrbach, auf denen die geschickten, überaus fleissigen und anspruchslosen Leute einen jährlichen Umsatz von 12 000 bis 15 000 fl. erzielten. Auch in der Landwirtschaft führten sie wichtige Neuerungen ein, die von ihren deutschen Nachbarn bald nachgeahmt wurden. Durch den Anbau von Klee ermöglichten sie die Stallfütterung anstatt des Weidetriebs; der Anbau der Kartoffel als Nährpflanze ist seit 1701 in Deutschland den Waldensern zu danken.
Zwei Jahrhunderte sind nun seit der Ansiedlung der Waldenser verflossen. Ihr Wahlspruch: „Lux lucet in tenebris“ zeigt schon zu Ernst Ludwigs, des Landgrafen, Zeiten im Kirchensiegel die Umänderung:„Post tenebras lux.“ Schlicht und einfach offenbart sich dadurch ihre dankbare Liebe gegen Ernst Ludwig, den Landgrafen;— dieselbe Liebe und Ehrfurcht hegen auch heute noch die naachkommen jener Waldenser gegen Ernst Ludwig, unseren allverehrten Gross- herzog.
*) Die aktenmässige Geschichte der Waldenser-Ansiedelungen in Hessen-Darmstadt ist von dem Verfasser gegeben: 1. In den„Geschichtsblättern des Deutschen Hugenotten-Vereins“, Magdeburg: Zehnt III, Heft 10; Zehnt IV, Heft 1, 2 und 9; Zehnt VIII, Heft 4. 2. Im„Bulletin de la Société d'Histoire Vaudoise“ No. 12. La Tour. 1895. 3. In den „Evangelisch Reformierten Blättern“. Prag. 1895. No. 2, 3, 4, 5. 1896. No. 5.
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