Aufsatz 
Landgraf Ernst Ludwig und seine Sorge für die Hebung seines Landes / D. Bonin
Entstehung
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Ludwig von den damaligen Refugiers aus Frankreich projektierten neuen Stadt Anlage nebst des in Selbiger ausgehen und in den Rhein führen sollenden bewusten Canals. Copirt von J. N. Franck. 1801. Die beiden ersten Pläne, die um 1775 gefertigt wurden, zeigen den Grundriss des neuen Schlosses; auf dem dritten sehen wir noch das von Georg II. erbaute Schloss verzeichnet, das am 19. Mai 1715 ein Raub der Flammen geworden war.

Die Zeit, in der Ernst Ludwig den Heimatlosen ein neues Vaterland und seinem eigenen Lande gewerbthätige Bewohner geben wollte, war für deren Aufnahme nicht günstig. Die luthe- rische Geistlichkeit war dagegen. Der feste Wille des Landgrafen würde diese Schwierigkeiten wohl überwunden haben, wenn nicht andere Verhältnisse die kaum begonnenen Unterhandlungen unterbrochen hätten. Der Pfälzische Erbfolgekrieg war ausgebrochen; die mordbrennerischen Scharen Ludwigs XIV. verwüsteten die Rheinlande.

Beim Herannahen der Franzosen war der Landgraf nach Nidda und von hier nach Giessen übergesiedelt. In einer Stadt, die er selbst hatte verlassen müssen, konnte er anderen keine Auf- nahme gewähren, um die unter den obwaltenden Verhältnissen auch nicht mehr nachgesucht wurde. Kaum waren die Kriegesstürme für das Hessenland vorüber, als Ernst Ludwig im Jahre 1 695 zur Durchführung der Stadterweiterung schritt. Diese richtet sich genau nach dem oben be- sprochenen Plane. Auf den Bau des Kanals verzichtete man; die Rheinstrasse ist an seine Stelle getreten.

Im Jahre 1688 versuchten die beiden Waldenserprediger Jaques Papon, Vater und Sohn, ihre Glaubensgenossen zum Teil in Hessen-Darmstadt unterzubringen. Ernst Ludwig unterbreitet das von ihnen eingereichte Glaubensbekenntnis der theologischenFakultät zu Giessen. Diese prüft die Glaubenssätze und giebt durch Kilian Rudrauff, der damals auch Vorlesungen über die Waldenser gehalten hat, ihr Gutachten dahin ab, dass man trotz einigerIrrthümer, die mit der lutherischen Lehre nicht vereinbar wären, die Flüchtlinge zwar nicht in der Hauptstadt, wohl aber auf dem flachen Lande ansiedeln könnte,zumahlen auch des Landes flor mit dar- unter lieget. Eine Anzahl Waldenser wurden hierauf,gegen raisonable und avantage offerten, in der Gemarkung Michelfeld zwischen Arheilgen und Messel untergebracht, während andere im Amte Nidda sich ansiedelten. Doch bald lösten sich diese Niederlassungen wieder auf, zum Teil aus den oben berührten Gründen, zum Teil deshalb, weil viele sich der alten Heimat wieder näherten, um diese unter Arnaud's Führung mit Waffengewalt zurückzugewinnen.

Das kühne Unternehmen gelang; doch wenige Jahre darauf waren viele von neuem zur Aus- wanderung gezwungen. Im Jahre 1698 erklärt sich Landgraf Ernst Ludwig wiederholt bereit, waldensische Flüchtlinge in seine Lande aufzunehmen. In den verschiedenen Amtern wird eine Ver- messung der unbebauten Felder vorgenommen.

Dabei stellte es sich heraus, dass die meisten Gemeinden seit dem grossen Kriege kein Flurbuch mehr hatten. Nach den Berichten über die Vermessungen gab es zu Rüsselsheim 2000 Morgen, zu Königstädten 200 Morgen, zu Gross-Gerauviele 1000 Morgen, zu Kelsterbach 800 Morgen, zwischen Mörfelden und dem Gundhofe 395 Morgen wüst liegenden Landes. Die drei herrschaft- lichen Höfe Rohrbach, Wembach und Hahn umfassten 500 Morgen bebautes und 400 Morgen unbebautes, wüstes Gelände. Die Maingegend wurde den Waldensern zur Besiedelung überlassen; von den herrschaftlichen Höfen im Odenwalde sah man vorerst ab.

Der Freibrief vom 22. April(2. Mai) 1699, der den Waldensern ausgedehnte Vorrechte ein- räumte, giebt den besten Beweis für die Bedeutung, die man in ihrer Aufnahme erblickte. Und dazu waren die Eingewanderten vollständig mittellos angekommen, da sie bei ihrer Flucht aus der Heimat alles Besitztum hatten zurücklassen müssen. Den Bedrängten kam Holland mit Rat und That zu Hilfe. Es gewährte in dieser Zeit der Not ungefähr 5 Millionen Mark nach heutigem Geldwerte fur die Ansiedelung der bedrängten Glaubensbrüder in deutschen Landen. Die Unterhandlungen führte der holländische Gesandte Peter Valkenier, ein Mann von seltener Umsicht und Thatkraft. Unter- stützt wurde er durch die beiden Geistlichen Papon und Moutoux sowie durch das Entgegenkommen des Präsidenten von Gemmingen.