I. Landgraf Ernst Ludwig
und seine
Sorge für die Hebung seines Landes.)
Ernst Ludwig war 11 Jahre alt, als sein Stietbruder, der Landgraf Ludwig VII., im August 1678 starb. Für den minderjährigen Sohn übernahm seine Mutter, Elisabeth Dorothee, die vormundschaftliche Regierung, die sie mit Einsicht und Klugheit 10 Jahre lang führte.
Grössere Reisen gaben dem jugendlichen Landgrafen willkommene Gelegenheit, Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe fremder Länder in einer Blüte kennen zu lernen, wie sie in deutschen Landen damals nicht mehr vorhanden waren.
Die Drangsale des 30 jährigen Krieges hatten über unser liebes Vaterland unsagbares Elend gebracht. Ackerbau, Gewerbfleiss und Handel lagen danieder. Anstatt der früher sorgfältig be- bauten Felder sah man weite Strecken mit Buschwerk und Heidekraut bedeckt oder zu Sümpfen entartet. Das Schwert des Krieges, Hungersnot und Seuchen hatten viele Bewohner dahingerafft; ganze Dorfschaften waren verlassen; mancher Hof lag zerfallen, weil kein Besitzer mehr vorhanden, dessen bessernde Hand der zerstörenden Kraft von Wind und Wetter hätte Einhalt thun können.
Aus eigener Kraft konnte das Land so bald nicht wieder zu dem früheren Stande sich er- heben, da die Bevölkerung durch die Schrecken des grossen Krieges zu sehr gelichtet worden war.
Da wenden sich frühere Unterthanen des französischen Königs Ludwig XIV., die ihres Glaubens wegen die Heimat ihrer Väter hatten verlassen müssen, an den Landgrafen, damit er sie in seiner Hauptstadt und in seinem Lande aufnehme. Unterstützt werden ihre Bitten durch Send- schreiben edler Fürsten und Räte einzelner Städte, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes den dadurch Betroffenen eine zweite Heimat gewährt hatten. Die Vertriebenen kommen aus einem Lande, in dem Kunst und Wissenschatft blühten, Handel und Gewerbfleiss sich mächtig entfalteten. Und wenn auch die meisten ihren äusseren Besitz in ihrem seitherigen Vaterlande hatten zurücklassen müssen— die inneren Güter, ihre Thatkraft und Glaubenstreue, brachten sie mit in die neue Heimat.
Berlin zählte etwa 15 000 Einwohner, als der Grosse Kurfürst durch das Potsdamer Edikt, vom Jahre 1685 seine lHauptstadt durch die Aufnahme von ungefähr 5000 französischen Flüchtlingen beträchtlich erweiterte. Kassel, Frankfurt, Hanau, Magdeburg und sehr viele andere Städte hatten in gleicher Weise in den neuen Einwohnern hochgebildete, gewerbthätige, kunst- sinnige Bürger aufgenommen.
Landgraf Ernst Ludwig hegte den lebhaften Wunsch, Handel und Gewerbe in seinem
Lande zu heben, seine Hauptstadt zu erweitern und durch Bauten zu verschönern.
In der Grossherzoglichen Kabinets-Bibliothek zu Darmstadt finden sich noch drei Pläne, die uns ein Bild geben von einer Stadterweiterung, wie sie französische Flüchtlinge zur Ausführung bringen wollten. Zwei davon stimmen fast vollständig überein und tragen die Auf- schrift:„Grundriss des Neuen Schlosses und der Neuen Vorstadt der Hochfürst- lichen Residentz Stadt Darmstadt so wie des Herrn Landgrafen Ernst Ludwig Hochfürstl. Durchlaucht Letztere durch die aus Frankreich vertriebene Refor- mirte wollten erbauen lassen.“ F. J. Hill, Ingenieur-Offizier.
Der dritte Plan führt die Aufschrift:„Copie des von Herrn Obrist Müller mitge- theilten Grund Risses der vermutlich unter der Regierung Landgrafen Ernst
*) Die Akten des Grossherzoglichen Haus- und Staats-Archivs zu Darmstadt, betr. Waldenser-Ansiedelungen.


