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uns nun die sinnlichen Dinge an sie erinnern, wie könnten wir nur konkrete Vorstellungen mit Allgemeinbegriffen vergleichen, wenn nicht diese sich vorher in uns befänden, unab- hängig von den sinnlichen Dingen und vor ihnen uns bekannt wären. 135
Dagegen: Freilich müssen die allgemeinen Begriſfe bereits in unserer Seele sich be- ſinden, wann die sinnlichen Dinge an sie erinnern und freilich müssen sie unabhängig von den sinnlichen Dingen und dem Wechsel ihrer Erscheinungen bestehen, wann wir diese Dinge mit ihnen vergleichen, aber ist es desshalb nöthig, sie auf vorsinnliches Schauen und Wissen zurückzuführen? Kann nicht das Kind, mit der Anlage zum Lernen ausge- rüstet, von Anschauungen der einzelnen Dinge zu Vorstellungen, von Vorstellungen durch das Medium der Merkmale zu Begriffen gelangen, wie weiter von Begriffen zu Kenntnis- sen, von Kenntnissen zur Erkenntniss fortschreiten, statt dass es nach Plato den Begriff. die Erkenntniss selbst bereits vor allor Anschauung haben soll?
Es ist auffallend. dass Plato die Thatsache nicht beirrte, dass der Mensch in seiner Kindheit, hart an der Grenze des menschlichen Daseins, so gar keine Spuren eines her- vorragenden Wissens an den Tag legt, wie es doch sein müsste, wenn sich der Mensch vor der Geburt eines so vollkommenen Wissens erfreute. Es entging Plato diese That- sache nicht, aber seltsam ist die Art und Weise, wie er sie zu erklären suchte. Die Seele, lehrt er, hat nur das vollkommene Wissen um die Ideen, so lange sie in deren Anschau- ung verweilt. Phædrus p. 247 D. Wie sie aus dem Bereich der Ideen heraustritt, wird ihr Wissen getrübt, I. c. p. 248 D, beim Eintritt in den Körper geht es vollends verloren. Phædo p. 75 E. Die Wucht der Materie gestattet in dem Kinde die Erhebung des Geistes nicht. Tim. p. 44 A flgd. Erst allmählig gelingt es dem Jüngling, dem Manne, die Er- innerung eines einstigen vollkommeneren Wissens in sich wach zu rufen. Tim. I. c.— Im Greise, wo die Fesseln der sinnlichen Natur sich lockern, wird sie hell und heller; im Tode dann, wo die Fesseln der Sinnlichkeit vollends abfallen, schwingt sich die Seele des Philosophen zumal, der nach Erkenntniss der Ideen mit unverdrossener Mühe gerungen, zur intelligibelen Welt wieder empor. Phæd. p. 66 D. 67 A. B.
3) Die dritte der oben berührten Erscheinungen gibt Plato mit folgenden Worten: Die allgemeinen Begriffe können doch nicht von den Dingen abstrahirt sein, da ja kein Ding seinem Begriffe vollständig entspricht. Und warum, fragen wir dagegen, soll es denn keine abgezogenen Begriffe geben, denen kein Gegenstand vollständig entspricht, warum sollen wir nicht durch Betrachtung verschiedener schöner Objecte, verschiedener schöner Jünglinge einen Begriff der Schönheit gewinnen, der an jedem einzelnen schönen Jüng- linge mehr oder minder zum Durchschein kommt, den aber dennoch keiner erreicht, als der Apoll unserer Phantasie? Müssen wir desshalb dem idealen Apoll Dasein und Leben
eben?.
5 So sehen wir, dass wir zur Erklärung jener drei vorgelegten Erscheinungen des See- lenlebens keineswegs der Platonischen Idee bedürfen, und dass demnach unserm Beweise dio feste Grundlage fehlt. Ihn weiter zu verfolgen halten wir daher für überflüssig. In- wiefern wir genöthigt sind, im andern Sinne wie Plato Ideen den sinnlichen Dingen zu Grunde zu legen und in unserer Seele ursprüngliche Kräfte anzunehmen, womit wir jene Ideen erfassen, wollen wir gleichfalls nicht weiter erörtern. Genug, über das menschliche Dasein der Seele hinauszugehen sind wir durch keine psychologische Erscheinung genöthigt. Plato hätte seine Betrachlung hierauf beschränken, den pPsychologischen Weg nimmer ver-


