Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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jenem Examen vorliegt, ist nichts anders, als ein Aufbauen auf allgemeinen Kenntnissen, die schon Eigenthum des Sklaven geworden waren. ihre Anwendung auf besondere Fälle, die Uebertragung der elementarsten Kenniniss der Arithmetik auf die elementarste der Geo- metrie oder genau genommen auf gegebene arithmetische Beispiele, denn die geometrische Aufgabe, die es dort zu lösen gilt, wird einfach in mehrere Rechenexempel zergliedert, wie man mit Recht eingewendet hat. Näheres siehe beim Beweise aus dem Meno selbst. Zu einem vormenschlichen Wissen und demnach zu einer vormenschlichen Existenz der Seele greifen zu müssen, sind wir in keiner Weise genöthigt, um das Resultat des Examens erklären zu können. 1 aut Die Lehre von der Wiedererinnerung stützt Plato

II. auf die Thatsache des begrifflichen Wissens. Plato weiss sich diese Thatsache nicht anders zurechtzulegen, als durch die Annahme von Ideen, auf die wir Alles, was uns durch die Sinne kommt, beziehen als auf ein vorher(im vormenschlichen Dasein) Ge- habies. Dass die Lehre von der Wiedererinnerung und ebenso die Lehre von der Un- sterblichkeit der Seele sich um diesen Angelpunct drehen, sehen wir aus der Bemerkung, die Plato am Schluss des zweiten Beweises gibt, p. 76 D. Wenn es wirklich Ideen gibt, und wir hierauf alle sinnlichen Wahrnehmungen beziehen als auf etwas vorher Gehabtes, was wir als das Unsrige wieder auffinden, so müssen nothwendig, wie die Ideen, so auch unsere Seelen sein, ehe wir sinnliche Wahrnehmungen hatten, ehe wir geboren sind. Wären die Ideen nicht, so wäre auch diese Rede vergeblich geredet.

Plato gibt uns hiermit selbst den Massstab in die Hand, den wir zur Prüfung des zweiten Beweises gebrauchen müssen. Es kommt hier auf den Nachweis an, dass wir die allgemeinen Begriffe der Dinge nicht anders erklären können, als durch die Annahme einer unabhängig von den sinnlichen Dingen bestehenden Existenzweise derselben, d. h. durch Annahme von Ideen, die wir vor den sinnlichen Dingen geschaut, und an die wir uns bei Betrachtung der sinnlichen Dinge erinnern.

Drei Erscheinungen des Seelenlebens scheinen nun Plato zu nöthigen, die allgemeinen Begriffe der Dinge als im vormenschlichen Dasein geschaute Ideen aufzufassen. Sehen wir zu, ob es wirklich der Fall ist.

1) Die erste Erscheinung ist die Thatsache, dass eine Vorstellung, die wir mit den Sinnen ergreifen, oft eine andere in unserer Seele herbeiruft, die wir nicht vor uns haben, die oft aus einem ganz andern Gebiete zu uns herüberkommt(àn' douoicr). Für Plato ein Beweis, dass die Seele Vorstellungen aus sich selbst hervorholt; d. h. aus der Erin- nerung an ein früheres Schauen der für sich bestehenden Vorstellungen.

Dagegen: Die Erscheinungen, die Plato hier aus unserm Seelenleben vorbringt, nennen wir Ideenassociation. Die heutige Philosophie legt sich aber diese Thatsache sehr gut zu- recht, ohne irgendwie platonische Ideen zu Hälfe zu ziehen. Wenn im Uebrigen Plato hier die Wiedererinnerung auf Einzelanschauungen auszudehnen scheint, die wir in unserm frühern Leben gehabt haben, so werden wir doch wohl nicht irren, wenn wir als ihren eigentlichen Gegenstand die allgemeinen Begriffe bezeichnen, um die die weitere Erörte- rung allein sich bewegt.

2) Die zweite der oben berührten drei Erscheinungen ist die folgende: Die allge- meinen Begriffe stellen sich dar als etwas von den Dingen Verschiedenes, als ein in dem Wechsel der Erscheinungsweisen sinnlicher Dinge Stetiges. Unveränderliches. Wie könnten