Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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Gewusste, wenn wir lernen. Ein stetes Wissen um die Ideen ſindet nicht statt, sonst müssten sich alle davon Rechenschaft geben können. Also gibt es nur eine Rückerinnerung an das, was wir einmal gewusst haben, d. h. mit andern Worten: was wir Lernen, begriff- liches Wissen nennen ist nichts anderes, denn Rück- oder Wiedererinnerung. p. 76, B. C. Daraus folgt nun die Unsterblichkeit der Seele.

9. Das frühere Wissen können wir nicht nach der Geburt empfangen haben, denn vor aller Wahrnehmung liegt es bereits in uns; also hatten wir es vor der Geburt. Mithin waren unsere Seelen vor der Geburt, vor dem menschlichen Dasein irgendwo. ohne Leiber, mit Einsicht ausgerüstet. Denn die Vorstellung, dass wir jenes Wissen bei der Geburt empfan- gen hätten, ist nicht zulässig; da wir es nämlich gleich nach der Geburt nicht aufweisen können, so müssten wir es in derselben Zeit empfangen und verloren haben. p. 76 D.

So weit dieser Beweis. Den nächsten Einwurf, den wir gegen ihn erheben können, dass er seine Aufgabe nur zur Hälfte löse, zwar die Präexistenz der Seele erweise, aber keineswegs ihre Postexistenz, macht sich Plato selbst p. 77 B. Ihn zu entkräften, nimmt er den ersten Beweis zu Hülfe. Denn wenn nun die Seelen vor dem menschlichen Da- sein, was wir Leben nennen, bereits existirten, so können sie nur jenem Wechsel der Gegensätze zufolge aus dem Tode ins Leben eingetreten sein und sind demnach mit Noth- wendigkeit die Seelen auch nach dem Tode als seiend zu betrachten.

Insofern nun der zweite Beweis auf den ersten zurückgeht, trägt er selbstredend alle Schwächen an sich, die wir an dem ersten entdeckten. Insoweit er aber selbstständig auftritt und die Präexistenz der Seele begründen will, haben wir seine Grundlagen zu un- tersuchen. Er beruht aber auf der Lehre von der Wiedererinnerung und diese Lehre selbst stützt Plato auf zwei Thatsachen:

I. auf die Thatsache des Lernens oder auf das erfahrungsmässige Zustandekommen des Lernens.

Das Lernen bekundet sich genau betrachtet als Auffrischung eines im Menschen ruh- enden Wissens und zwar eines Wissens, das der Mensch vor dem leiblichen Dasein bereits empfangen haben muss. Ein geschicktes Ausfragen des Lernenden erhebt diese Ansicht zur unumstösslichen Gewissheit. Menons Sklave, um das Beispiel aus dem Menonischen Beweise(Meno p. 80 C. flgd.) der Unsterblichkeit hier einzuschalten, der die Geometrie nicht einmal dem Namen nach kennt, legt auf die Fragen des Sokrates eine bereits ihm unbewusst in seinem Besitz sich befindliche Kenntniss dieser Wissenschaft zu Tage; durch Unterricht hat der Sklave diese Kenntniss nicht erlangt; was bleibt also übrig, als dass er sie bereits vor seinem Eintritt ins menschliche Dasein sich angeeignet hatte, seine Seele also vordem schon existirte?.

Wenn wir uns nun voll gerechter Erwartung zum Examen selbst wenden, um in den Fragen und Antworten des Sklaven Belege für Platons Ansicht zu finden, so sehen wir nicht allein nirgends, was wir doch vermutheten, Geistesblitze gleichsam, die aus einer überirdischen Welt uns entgegenleuchten, nirgends Antworten des geprüften Sklaven, die etwa eine ganze Reihe vermittelnder Zwischenglieder überspringend nur auf unmittelbares Geistesschauen zurückzuführen wären, sondern die vorgelegten Fragen und die sehr be- scheidenen, sich fast nur um Ja und Nein bewegenden Antworten des Sklaven bieten gar nichts Auffälliges, was in unserer gang und gäben Anschauungsweise vom Lernen und Lehren nicht seine zureichende Erklärung fände. Das ganze Werhatnen; wie es in