Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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gegengesetale Zustände annehmen? Muss denn das Schöne zum Hässlichen werden? u. s. W. Und ist dies denn ein Entstehen. iνννειαᷣ☚σα, des einen aus dem andern? Sind die Uebergänge, worin Plato den Prozess des 7inνννεασσα vor sich gehen lässt, die Keime der Gegensätze? Am Wirklichen sollen die Gegensätze wechseln: das Substrat soll bleiben. nur die Zustände sollen einander ablösen. Indem wir nun das Wirkliche aufsuchen. an dem Leben und Todtsein die wechselnden Zustände sein sollen, das beharrende Subject im Wechsel dieser Zustände, wo finden wir es? Auf seine Supposition argumentirt Plato, was ist es? Wir stehen an es auszusprechen. Denn wenn es nun die Seele ist, setzt Plato nicht voraus, was er beweisen will? Sehen wir nicht den Gewaltigen an der vergeblichen Arbeit, was er zum Fundamente seines Beweises genommen, zugleich als seinen Gipfel gebrauchen zu wollen? Sehen wir uns nicht gezwungen. ihn einer pe- titio principii zu bezüchtigen?

Aber es ist nicht einmal erwiesen, dass die einzelne Seele dies Substrat sein muss. Es genügt, für jene wechselnden Zustände des Lebens und Todtseins ein allgemeines, un- bestimmtes Substrat(im pantheistischen Sinne) anzunehmen, und es ist durchaus nicht mit der Annahme jener wechselnden Zustände das Zugeständniss verknüpft, dass das, was todt war, als dasselbe wieder ins Leben tritt. Wenn dies aber nicht der Fall ist, was gewin- nen wir da für die Unsterblichkeit des Individuums?

Platons Schluss von den Zuständen auf die Träger der Zustände ist überhaupt ein unberechtigter. Er argumentirt: Wie das Todtsein aus dem Leben, so geht nothwendig das Leben aus dem Todtsein hervor uud die Lebenden aus den Todten. Mit solcher Logik sagt Prantl, Uebers. des Phædo Anm. 17, kann man freilich Alles beweisen, wenn man statt eines Zustandes das demselben unterworfene Subject einschwärzt, denn dann folgt z. B. auch, dass die warmen Dinge unwägbar sind, wenn das Warmsein unwägbar ist.

Schliesslich kann von einer Analogie des Wachens und Schlafens und der übrigen Gegensätze auf der einen, des Lebens und Todtseins auf der andern Seite nicht ernst- lich die Rede sein, denn das Todtsein kommt im eigentlichen Sinne der Seele nicht zu. Eine todte Seele ist ein unfassbarer Begriff; käme er einen Augenblick zur Geltung, so wäre damit ja auch zugleich die Sterblichkeit der Seele ausgesprochen. Heben wir aber die Gegensätze von Leben und Todtsein an der Seele auf, so fallen die Uebergänge zwischen diesen Gegensätzen von selbst weg. In der That nimmt Plato ja auch kein Wiederaufleben der Seele an, sondern ein stetes, beharrliches Sein und Leben.

Einen Einwurf, den wir gegen die oben sub 1, 2, 3 vorgebrachte Argumentation erheben können, dass, wenn die Gegensätze in gerader Linie auseinander entstehen, da- mit der Wechsel der Gegensätze im Kreislauf noch nicht erwiesen ist, sucht Plato selbst im vierten Momente des Beweises zu widerlegen und eben dadurch dem Beweise eine neue Stütze zu geben. Nehmen wir, raisonnirt er, bloss geradläufigen Wechsel der Zustände an, bloss den Uebergang von schön zu hässlich, klein zu gross, gerecht zu ungerecht, vom Wachen zum Schlafen u. s. f., keinen kreisenden, so würde bald Alles in einerlei Zustand sich befinden, so wäre Endymion keine Fabel mehr, das Durcheinander des Ana- xagoras ein Factum geworden, es wäre Alles dem Tode verfallen und es würde nichts Lebendes mehr existiren. Indess der Schluss ist nicht richtig. Wenn auch die einzelnen lebenden Wesen im Tode vernichtet würden, so bliebe immer noch die Möglichkeit, dass die allgemeine Lebenskraft, die Seelensubstanz als solche trotzdem unverkümmert fortbe-