— 6—
schliesst Plato,— ob mit Recht, werden wir sehen,— entstehen wie die Todten aus den Lebenden. so die Lebenden aus den Todten. Durch das Wiederaufleben treten die Soslon der Gestorbenen ins Leben zurück und sind mithin irgendwo.
Wenn dieser Kreislauf der gegensätzlichen Zustände nicht stattfände, wenn es Wotil ein Absterben. kein Wiederaufleben gäbe,— so fügt das vierte Moment hinzu.— so würde bald Alles sich im Zustande des Todes beſinden.
Nach dem Gesagten scheint es mir einleuchtend, dass der erste Beweis nichts mehr und nichts weniger zu sein beansprucht, als ein Analogieschluss, der auf zwei Naturge- setze zurückgeht, deren Wahrheit uns die tägliche Erfahrung vor Augen stelle. Insofern sich nun der erste Beweis an die Erfahrung anlehnt, mag er ein Erfahrungsbeweis ge- nannt werden, insofern sich diese Erfahrung auf Gesetze der Natur gründet, ein physischer. Ob Plato die Einkleidung jener Naturwahrheiten aus des Heracleitos Lehre entnommen, bleibe dahingestellt; im Beweise selbst hat er mit dem Standpunct des Heracleitos und überhaupt mit dem der Naturphilosophen- keine Gemeinschaft; Platons unsterbliche Seele war der Naturphilosophie ein noch unfassbarer Begriff. Damit widerlegt sich K. F. Her- mann's(I. c. p. 529) Ansicht, der die Gestaltung des ersten Beweises auf die beiden Quel- len, Naturforschung und Mysterien, zurückführt.
Prüfen wir nun unsern Beweis zunächst mit Ausschluss des vierten Momentes. das ein besonderes indirectes Argument für die Unsterblichkeitslehre enthält.
Plato stützt den Beweis auf den Satz: Entgegengesetztes wird aus Entgegengesetztem. Indem er aber den Satz so allgemein ausspricht, könnten wir versucht sein, ihm unbe- schränkte Geltung beizulegen. Sofort aber, wie das geschieht, wird daraus eine Waffe, die wir gegen Platons eigne Beweisführung gebrauchen können. Denn entsteht eben jedes denkbare Entgegengesetzte aus Enigegengeseiztem; lassen wir den Satz zu im logischen und realen Gebiete: so wird auch Seiendes aus Nichtseiendem, Nichtseiendes aus Seiendem entstehen, die seiende Seele aus der nichtseienden und die nichtseiende aus der seienden; von Prä- und Postexistenz der Seele, mithin von ihrer Unsterblichkeit könnte nicht wei- ter die Rede sein.
Allein es will Plato den Satz, wie die Beispiele lehren, die er zu seiner Erörterung beifügt, nur im Gebiete der Empirie, des Wirklichen gelten lassen. Plato meint, dass nur an dem Wirklichen entgegengesetzte Zustände wechseln. dass an einem heharrlichen Sub- jecte verschiedene einander widersprechende Zustände einander ablösen, wie er es nennt, auseinander entstehen. Er führt uns zunächst eine Reihe von Gegensatzen vor, die ver- eint einem Subjecte nicht anhaften können, gross klein, schön hässlich, gerecht ungerecht u. s. W., wobei er, wie aus dem Beispiele von Wachen und Schlafen erhellt, die Zustände im Auge hat, die wir durch jene Eigenschaften bezeichnen. Dann schliesst er: Wie die Dinge stets von dem einen gegensätzlichen Zustande in den andern übergehen, wie ins- besondere die beiden Gegensätze Wachen und Schlafen miteinander wechseln, so ist es auch beim Leben und Todtsein der Fall. Dass diese Auffassung des Beweises die richtige ist, dafür bürgt uns das p. 103 A. B Gesagte, wo Plato auf unsern Satz sich beziehend erklärt: Damals redeten wir von den Dingen, die das Entgegengesetzte an sich haben.
Gegen den Beweis aber in dieser Fassung ist noch Manches zu erinnern. Wir können Plato freilich zugeben, dass, wenn Dinge entgegengesetzte Zustände annehmen, der andere Zustand nur entsteht, wenn der erste verschwindet. Aber mässen denn die Dinge ent-


