Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

über jene Beweise zeigen. Hier bemerken wir nur, dass wir die drei nachstfolgenden Beweise aus den Gegensätzen, der Wiedererinnerung und der Einfachheit der Seele als eng zusammengehörig betrachten, wie es Plato selbst thut. Pag. 77 C. sagt Plato nämlich, es müsse der dritte Beweis zu den zwei andern hinzutreten, wenn die Beweisführung eine vollständige sein solle. Diese drei Beweise aber bringen wir in folgendes Verhältniss zu einander und zu der vorgelegten ethischen Betrachtung. Die letztere zeigt uns, wie das Denken und Leben des Philosophen sich gründe auf sein unmittelbares Bewusstsein um die Unsterblichkeit der Seele. Es geht auf Erwerbung von Erkenntniss und Weisheit aus, die ihm die Sinnenwelt nicht bieten kann, deren er nach dem Tode theilhaftig zu werden hofft. Es ist aber im Zusammenhange des Platonischen Systems eine im vormenschlichen Dasein besessene, im menschlichen verlorne Einsicht, um die der Philosoph sich bemüht. Die Thatsache der Wiedererinnerung ist es, die uns den Schlüssel gibt zu jener Bemühung. Sie begründet die vormalige Existenz der Seele, die eine Hälfte der Unsterblichkeitslehre. Damit aber sind wir hingewiesen auf eine doppelte Daseinsweise der Seele, eine körper- liche und eine körperlose, auf einen kreisenden Wechsel, worin die Seele sich befindet zwischen den beiden Zuständen des Lebens und Todtseins. Diesen kreisenden Wechsel nun anzunehmen sind wir nach der Analogie der Vorgänge in der Natur berechtigt; hier wird Entgegengesetztes aus Entgegengesetztem; so wird es auch bei den entgegengesetzten Zuständen der Seele, Leben und Todtsein, sich verhalten. Auf diese Weise gibt nns Plato für die Unsterblichkeit der Seele zunächst den unvollkommenen Beweis aus der Analogie, an den er den etwas vollkommneren aus der Lehre von der Wiedererinnerung anschliesst. Aus jenem Analogieschluss und diesem Erfahrungsbeweis folgt, zunächst die Präexistenz der Seele, die Postexistenz zu beweisen fällt dem dritten Beweise anheim. Zwar ist sie inclusive im ersten Beweise dargethan, denn wenn die Todten aus den Lebenden, so wer- den auch die Lebenden aus den Todten hervorgehen. Allein da jener erste Beweis auf blosser Analogie beruht und eigentlich nur zur Stütze des zweiten beigebracht ist, so findet sich Plalo bewogen. für die Postexistenz der Seele einen besondern Beweis beizubringen, den dritten aus der Einfachheit der Seele. Wie Plato dazu gekommen, ihn aus dieser Ei- genschaft der Seele herzuleiten, werden wir bei der Darstellung des dritten Beweises sehen.

Gehen wir jetzt dazu über, die einzelnen Beweise Platons für die Unsterblichkeit der Seele näher zu betrachten. Der 1. Beveis findet sich Phädo p. 70 C 72 E.

Anm. Neben andern Häülfsmitteln haben wir für den 1. Beweis besonders benutzt: Stallbaum præf. Phæd. p. 12 und 13. p. 24 und 25. Gloël p. 11. Bucher p. 5 10. Eichhoff p. 12 und 13. Tennemann, Lehren und Meinungen der Sokratiker.

Seine eiuzelnen Momente sind folgende:

1. Was entsteht, entsteht aus dem Entgegengesetzten. p. 70 D, E. 6ο⁶60 4 ½ειν*ᷣυνα‿ vGε ι πωντπυνπ ε6ωυαμεν, dσς νντιασν νννεr ra, our doer*)& ν ναim ro svwvric. So entsteht das Grössere aus dem Kleineren, das Kleinere aus dem Grösse- ren; aus dem Stärkeren das Schwächere, aus dem Langsameren das Schnellere; das Schlechtere aus dem Besseren, das Gerechtere aus dem Ungerechteren. p. 70 E. 71 A.