Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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4. Wir können die erste ethische Betrachtung p. 61 D bis p. 69 E nicht unter die eigentlichen Beweise der Unsterblichkeit rechnen und halten es keinesweges mit Rettig J. c. S. 21 für eine unbedeutende Aeusserung, wenn Plato nach Schluss jener Betrachtung auf den Einwurf des Kebes hin nun die Unsterblichkeit der Seele durch besondere Gründe erweisen zu wollen versichert.

5. Nach unserer Auffassung hat die erste ethische Betrachtung die Aufgabe zu zeigen, wie der edle Mensch in seinem Sinnen und Streben, Denken und Handeln von der Voraussetzung ausgeht, dass seine Seele unsterblich sei; wie sein Leben ein Sterben ist, da er die Hoffnung in sich trägt, dass sein Todtsein ein Leben sein werde, ein Leben in der Wahrheit, wornach er auf Erden so vergeblich gerungen hat. Der edle Mensch denkt und handelt aus dem unmittelbaren Bewusstsein seiner Unsterblichkeit heraus. Dass demgemäss die Seele ihrer Natur nach unsterblich sein müsse, ist ein Schluss, der sich eigentlich von selbst ergibt, und insoweit wäre jene Betrachtung ein indirecter Beweis für die Unsterblichkeit der Seele; aber Plato zieht den Schluss nicht, und eben damit gibt er unseres Erachtens eine Andeutung, dass er die Betrachtung absichtlich zu einem directen Beweise der Unsterblichkeit nicht habe gestalten wollen. Er gibt uns in ihr das erhabene Bild eines wahrheitsdürstenden Mannes; wir sehen, wie er in seinem ganzen Leben das unersohütterliche Bewusstsein in sich trägt: Ich bin zu höherer Erkenniniss berufen, wie er das Irdische, Sinnengut und Sinnenlust, mit Füssen tritt, sehnsüchtig aus dem Lande der Schatten in die Regionen des Lichtes, der Ideen, emporstrebt, wie das Bewusstsein um seiner Seele Unsterblichkeit ihn zwingt, so zu denken und zu handeln. In die Form eines Beweises bringt Plato die Betrachtung nicht; träâte sie mit der Forderung auf, als Beweis für die Unsterblichkeit der Seele anerkannt zu werden. so folgte unsererseits die Prüfung, die ihrer Wirksamkeit nur schaden könnte. Indem aber Plato den Schluss von jenem Denken und Handeln des Weisen auf die Unsterblichkeit der Seele nicht ausdrück- lich macht, wien empfänglich werden wir da für die nachfolgenden spekulativen Be- weise, wie sind wir so geneigt, ihre Schwächen nicht aufzudecken, diese Schwächen, die Plato keinesweges entgangen sind. cfr. p. 77 D. E. 78 A. 84 C. 85 C. D. 107 B.

Auf die erste ethische Betrachtung folgt eine Reihe spekulativer Beweise für die Un- sterblichkeit der Seele. Plato verknüpft sie mit jener Betrachtung durch den Einwurf des Kebes, dass freilich der Philosoph mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits freudig den Tod erdulden könne, wenn die Seele des Menschen unsterblich sei, wenn sie nicht wie Hauch und Rauch im Tode zerstiebe. p. 70 A. Dass Plato den Kebes absichtlich den Ein- wurk vom niedrigen Standpunkte der Atomisten aus vorbringen lasse, lässt sich durch nichts erweisen;(Gloël behauptet es, Progr. Magdeburg 1863 S. 10.) Die Ansicht, dass Plato den Einwurf absichtlich vom nicht viel höheren Standpunkt der Naturphilosophie aus beantworte, werden wir unten widerlegen. Plato selbst bezeichnet den Einwurk als die Meinung der Menge cfr. p. 77 B. 70 70ν ποαισνν. p. 80 D. ρασ χάα ol πνι χ̈ν˙ιμισο. Gegen ihn ist nicht der eine nächstfolgende, sondern sind alle folgenden Beweise gerichtet, wie wir aus p. 77 B. ersehen, wo gegen denselben Einwurf, nachdem er bereits durch zwei Beweise erschüttert worden, noch weitere stärkere Beweise verlangt werden. GA.2. dr1 Sve ννQχ vO KæS uré.

In der Reihenfolge der Beweise hält Plato den Uebergang vom Unvollkommneren zum Vollkommneren fest; in welcher Weise, werden wir später in einem besondern Ueberblick

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