Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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wird, wenn wir dem Vorsatze zur fortschreitenden Besserung unserer Gesinnung treu bleiben. Ein Augenblick der Betraehtung sei den Gesichtspunkten für die Auswahl der aesthetischen Bildungsstoffe gewidmet. Herbart hätte nicht nötig gehabt, die Förderung des aesthetischen Interesses besonders hervorzuheben, da allen von ihm erwähnten Stufen des Interesses der Charakter des Aesthetischen beiwohnt. Die bei den Verhältnissen der Willensbilder und Dinge verweilende Betrachtung, die Herbart als Grundlage des spekulativen und ethischen Interesses fordert, bildet die Grundlage des aesthetischen Urteiles. Das gleich- schwebende vielseitige Interesse, als der Gesamtausdruck der verschiedenen Interessen, ergab sich als Sammelname für die aesthetische Stimmung des Gemüts. Der Sittlichkeit, auf Grund der Anschauungen Herbarts, fehlte der Impuls zur Darstellung ihrer Begriffe, weil die sittlichen Urteile nur ein Ausspruch des Beifalls oder Missfallens über Ver- hältnisse von Willensbildern waren. Dieser Auffassung entsprechend kann das aesthetische Interesse als die Grundlage der übrigen Interessen bezeichnet werden. Die kritische Auffassung stellt die drei Grundrichtungen des Bewusstseins als gleich- artig nebeneinander, muss aber in pädagogischer Beziehung die aesthetische Bildung der theoretischen und ethischen unterordnen. Die aesthetische Richtung des Bewusst- seins soll keine Gegenstände und Thatsachen neu schaffen, sondern dieselben, soweit sie in Erfahrungslehre und Sittlichkeit gegeben sind, nach neuen Gesichtspunkten be- trachten. Die Gesetze, in welchen diese Betrachtung sich vollzieht, sind die aesthe- tischen.*) Für die Erziehung würde sich die Aufgabe ergeben, einen synthetischen Unterricht nur dann folgen zu lassen, wenn die Grundlagen der sittlichen und theore- tischen Bildung bereits gegeben sind.

Nichts aber hindert, durch analytische Betrachtungen einen solchen synthetischen Unterricht vorzubereiten. Herbarts Andeutungen über das einzuschlagende Verfahren verdienen die vollste Beachtung.Jüngere Kinder sehen gewöhnlich nur die Masse, wie andere Massen. Zuerst ist das Bunte, das Kontrastierende, das Bewegte für sie schön.Haben sie sich hieran satt gesehen, so soll man versuchen, ihnen das Schöne näher zu bringen.Man zeige also zuerst auf das Schöne, indem man es heraushebt aus der Menge des aesthetisch Unbedeutenden. Alsdann fange man an, es zu zerlegen, nämlich in solche Partieen, deren jede noch einen Wert für den Geschmack hat.**) An- knüpfen ferner kann der Unterricht an das, was man im Leben als das Schickliche be zeichnet. Man mache auf dasselbe aufmerksam,und verlange es insoweit von den Kindern, als sie es selbst durch ihren Geschmack hervorzubringen wissen.***) Hieraus ergiebt sich, dass die Auswahl der Bildungsstoffe für den synthetischen- aesthetischen Unterricht sich richten muss nach dem Gesichtspunkte des aesthetischen Interesses. Statt Förderung des Interesses wäre wohl auch gestattet zu sagen, Steigerung der Lust und des Bedürfnisses nach aesthetischer Auffassung der Dinge.) Diesem Verlangen werden diejenigen Disziplinen genügen, welche den Gesetzescharakter des Aesthetischen am reinsten zur Darstellung bringen.

Die letztere Auffassung würde der Lehre Kants entsprechen. Welcher Art nun diese Gesetze sind und welche Thatsachen der Dichtung und Kunst ihnen entsprechen, das zu beurteilen, liegt nicht im Kreise der vorliegenden Betrachtungen. Der ersten Forderung könnte nur eine Feststellung der Beziehungen genügen, welche die Aesthetik zu den Grund- lagen der Erfahrungs- und Sittenlehre hat. Gewahrt bleibt auch in Hinsicht auf aesthetische

*) Ausführlicheres über diesen Gegenstand in Cohen, Kants Begründung der Aesthetik. **) Allgemeine Pädagogik, Ausg. v. Richter, 69. **r) Allgemeine Pädagogik, Ausg. v. Richter, 72.

) Definition des Interesses bei Kern, Grundriss Seite 29.