Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Bildung der Grundgedanke Kants, dass die Endziele der theoretischen Pädagogik sich nicht bestimmen aus der psychologischen Beschaffenheit des Individuums, sondern aus dem Gesichts- punkte der Einheit des Bewusstseins, wie sie in den drei Grundrichtungen ihren Ausdruck erhält. Eine kurze Betrachtung möge den Anschauungen der beiden Philosophen über den Sprachunterricht vergönnt sein. Bestimmt man die leitenden Gedanken für die Auswahl der Bildungsstoffe nach dem psychologischen Standpunkte oder nach den erwähnten Anschauungen Kants, so lässt sich kein Gesichtspunkt für die Wahl der Sprachen als Bildungsstoffe finden. Herbart kennt kein sprachliches Interesse, ebenso wenig Kant eine sprachliche Richtung des Bewusstseins. Ausser vom Standpunkte des Interesses bestimmt Herbart die Bildungsstoffe als Sachen, Formen und Zeichen. Als Beispiel für die Zeichen erwähnt er die Sprachen.Die Zeichen, z. B. die Sprachen, interessieren offenbar nur als Mittel der Darstellung dessen, was sie ausdrücken.*)

Die Zeichen, also auch die Sprachen,sind für den Unterricht eine offenbare Last. welche, wenn sie nicht durch die Kraft des Interesses für das Bezeichnete gehoben wird, Lehrer und Lehrling aus dem Gleise der fortschreitenden Bildung herauswälzt.**) Im Umriss der pädagogischen Vorlesungen bezeichnet Herbart den grammatischen Unterricht als eine Uebung im Denken, verwirft aber jedes Erlernen der Sprache um der Sprache selbst willen. Selbst die von Herbart zugegebene Klärung und Vertiefung der Begriffe verdient nur dann Beachtung, wenn sie die Erkenntnis des von der Sprache Bezeichneten fördert.

Aus der Kantschen Anschauung ergiebt sich das Erlernen von Sprachen als Pflicht, weil sie die Form sind, in welcher die Erwerbung von Wissen und Gesinnung mög- lich wird.

Hieraus ergiebt sich die pädagogische Mahnung, das Erlernen der Sprachen so leicht als möglich zu machen, damit Form und Inhalt gleichmässige Berücksichtigung finden können. Eine Erlernung von Sprachen aus rein praktischen Gründen wider- streitet den Anschauungen Kants nicht. Kant verlangt nicht nur Moralisierung, sondern auch Verschaffung einer gewissen Geschicklichkeit, welche von ihm als Kultur bezeichnet wird.Diese ist der Besitz eines Vermögens, welches zu allen beliebigen Zwecken zureichend ist. Sie bestimmt also gar keine Zwecke, sondern überlässt das nachher den Umständen. Einige Geschicklichkeiten sind in allen Fällen gut, z. B. das Lesen und Schreiben.**r) Und das Erlernen von Sprachen könnte man als Ergänzung der Kantischen Gedanken hinzufügen. Als beste Methode empfiehlt Kant das Erlernen durch den Umgang.Man kann sie entweder durch förmliches Memorieren, oder durch den Umgang lernen, und diese letztere ist bei lebenden Sprachen die beste Methode.+) Im Dienste der sittlichen Bildung stehe aber stets der Unterricht in der Muttersprache, weil sie diejenige Sprache ist, in der jedes Glied eines Volkes seine Gedanken aus- spricht und selbst denken lernt. Die Erlernung der Muttersprache muss als besondere Pflicht erkannt werden, weil sie das Mittel ist, durch welches das gesamte Volk von seinen sittlich- religiösen Ueberzeugungen und von der Tiefe seines Gemütslebens Kunde giebt. Nur in der Form der Muttersprache erhält das sittliche Gebot die Kraft zur Bestimmung des Willens. Hieraus ergiebt sich aber von selbst, dass nur die Mutter- sprache Unterrichtssprache sein kann und bleiben wird, so lange sittlich-religiöse Bildung als das Endziel der Pädagogik aufgestellt werden wird.

*) Allgem. Pädag., 54.

2) Allgem. Pädag.

*r) Ueber Pädagogik. Ausg. v. Hartenstein, 465. ) Ueber Pädagogik, Ausg. v. Hartenstein, 488.