Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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Idee schon in früher Kindheit hervorschimmern, sobald das Gemüt anfängt einen Ueber- blick zu wagen über sein Wissen und Denken, Fürchten und Hoffen; sobald es über die Grenze seines Horizontes hinauszuschauen wagt.*) Diese Idee Gottes, als der Grundgedanke aller Religion, soll zu den ältesten gehören, wozu die Erinnerung hin- aufreicht. Nie werde Religion, so meint Herbart, den ruhigen Platz in der Tiefe des Herzens einnehmen, wenn nicht dieser Grundgedanke mit allem verschmolzen werde, was das wechselnde Leben im Mittelpunkt der Persönlichkeit zurückgelassen habe. Die Gottes-Idee kann aber nur dann gebildet werden, wenn der Gedankenkreis des Zöglings für die Erzeugung derselben empfänglich gemacht wurde, wenn dem syn- thetischen Unterricht ein analytischer voraufgegangen war. Der analytische Unterricht, soll das Gefühl der Abhängigkeit des Menschen wachrufen und auf ein allgemeines teleologisches Suchen hinarbeiten. Das Gefühl der Abhängigkeit wird aber gebildet, indem man Betrachtungen über die Schicksale und Kürze des menschlichen Lebens, über den zweideutigen Wert des Irdischen geläufig macht. Durch den Hinweis auf die zweck- mässige Fürsorge, Liebe und Aufsicht soll der erste Begriff des höchsten Wesens ge- bildet werden. Die Anknüpfung findet Herbart im Familiengefühle, welches sich zur Idee vom Vater des Vaters und der Mutter erheben lässt. Der Stoff des Religions- unterrichts aber muss mit den übrigen Teilen des Gedankenkreises im Zusammenhange bleiben, weil sich dadurch die beste Gelegenheit bietet, seine ethische Wirksamkeit zur Geltung zu bringen.Vom Religionsunterricht braucht nicht erst gesagt zu werden, wie sehr er die Abhängigkeit des Menschen muss fühlen lassen, und wie sehr von ihm erwartet wird, dass er die Gemüter nicht kalt lasse. Allein der historische Unterricht, muss mit ihm zusammen wirken; sonst stehen die Religionslehren allein und laufen Gefahr, in das übrige Lehren und Lernen nicht gehörig einzugreifen.*)

Ueber den Inhalt des Religionsunterrichtes finden sich bei Herbart nur wenige positive Bestimmungen, er redet fast nur von religiöser Teilnahme, weniger von der Unterweisung in Religion. Man sollte meinen, er würde dem Religionsunterrichte die Aufgabe der systematischen Vereinigung der sittlichen Maximen zuweisen, statt dessen weist er nur hin auf religiöse Betrachtungen als Stützen des moralischen Gehorsams. Sittliche Einwirkung verspricht er sich der Hauptsache nach von dem Hinweise auf Geschichte und Erfahrung, um zu zeigen, in welche Verwirrung die Maximen der Lust den Menschen stürzen können. Ueber das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis des Sittlichen und Religiösen giebt er in seiner theoretischen Pädagogik nur Andeutungen. Die Religion als Motor des Sittlichen tritt zurück, sie ist nur eine Stätte, in welcher der Mensch einkehrt, um von allem Denken, Begehren und Sorgen Ruhe zu finden. Da die Erzeugung der Gottesidee sich als Ziel der religiösen Synthesis ergab, so wird sich der Religionsunterricht zunächst der biblischen Geschichte zuwenden, weil die Geschichte des Volkes Israel zuerst Auskunft über Gottes Weisheit giebt.Unmöglich aber kann die Religion als etwas blos Historisches und Vergangenes, welches nur noch fortgesetzt würde, genügend dargestellt werden. Der Lehrer muss notwendig auch die gegen- wärtigen Zeugnisse der Natur in ihrer Zweckmässigkeit benutzen***). Die Erkenntnis Gottes stützt sich, wie sich hieraus ergiebt, weniger auf den innern Menschen als auf geschichtlich überlieferte Zeugnisse und die Zweckmässigkeit der Natur. In Herbarts Anschauungen liegt der Schwerpunkt auf religiösen Kenntnissen, in einer Wissenschaft der Eigenschaften Gottes und seiner Absichten mit unserer Gattung. An den vor-

*) Allgemeine Pädagogik, Ausg. v. Richter, S. 77. **) Umriss pädagog. Vorlesungen,§ 94. **n) Umriss püdagog. Vorlesungen,§ 235.