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selbst Bedrohung mit dem Tode, die ihn darüber, dass er seiner Pflicht treu- gehorcht, treffen mögen, ihm doch das Bewusstsein, über sie alle erhaben und Meister zu sein, nicht rauben können, so liegt ihm nun die Frage ganz nahe: was ist das in dir, dass sich getrauen darf, mit allen Kräften der Natur in dir und um dich in Kampf zu treten, und sie, wenn sie mit Deinen sittlichen Grundsätzen in Streit kommen, zu besiegen*)?“ Kant glaubt, wie wir eben sahen, an das Erwachen des sittlichen Interesses durch einen Unterricht, welcher in systematischer Ordnung alle Tugenden und Laster zum Gegenstande sittlicher Beurteilung macht, während die Lehre Herbarts nur ein sich selbst getreues Wollen als Resultat des gesamten Unterrichts kennt, welches durch seine Uebereinstimmung mit den Ideen einen sittlichen Charakter erhält. Der Schwer- punkt der sittlichen Bildung liegt bei Herbart in der Zucht, als dem vermittelnden Elemente zwischen Wollen und Ideen, und nicht in einem alle Gebiete des sittlichen Lebens umfassenden Unterrichte. Als äussere Hilfsmittel der sittlichen Bildung werden von Kant das gute Exempel am Lehrer selbst und das warnende an anderen aner- kannt.„Was aber die Kraft des Exempels(es sei zum Guten oder Bösen) betrifft, was sich dem Hange zur Nachahmung oder Warnung darbietet, so kann das, was uns andere geben, keine Tugendmaxime begründen, denn diese besteht gerade in der sub- jektiven Autonomie der praktischen Vernunft eines jeden Menschen, mithin, dass nicht, anderer Menschen Verhalten, sondern das Gesetz uns zur Triebfeder dienen müsse. Daher wird der Erzieher seinem verunarteten Lehrling nicht sagen: nimm ein Exempel an jenem guten(ordentlichen, fleissigen) Knaben, denn das wird jenem zur Ursache dienen, diesen zu hassen, weil er durch ihn in ein nachteiliges Licht gestellt wird. Das gute Exempel(der exemplarische Wandel) soll nicht als Muster, sondern nur zum Beweise der Thunlichkeit des Pflichtmässigen dienen, also nicht die Ver- gleichung mit irgend einem anderen Menschen(wie er ist) sondern mit der Idee der Menschheit wie er sein soll, also mit dem Gesetz, muss dem Lehrer das nie fehlende Richtmaass seiner Erziehung an die Hand geben**).“ Kant ist noch beseelt von jenem Vertrauen, dass Thatsachen und Beispiele, vor allen Dingen aber die Wahrheit selbst ihren Einfluss auf das menschliche Gemüt geltend machen können. Bei dem grossen Interesse für das Sittliche, welches Kant in jedem Gemüte voraus- setzt, kann er hoffen, dass die zur klaren Einsicht gebrachten sittlichen Lehren allein durch die denselben innewohnende Wahrheit Einfluss auf die Willensrichtungen ge- winnen. Ein Lehrer sittlicher Grundsätze wird nach seiner Auffassung nur derjenige sein, welcher selbst innerlichi wahr, die hohe Kunst versteht, die Wahrheit selbst reden zu lassen. Ein besonderer Unterricht in sittlichen Dingen, wie es sich aus den Grundsätsen Kants ergiebt und von ihm gefordert wird, widerspricht der Lehre Her- barts. Dieser verlässt sich, wie schon erwähnt, auf den Einfluss von Regierung und Zucht und auf einen Unterricht, welcher die Verhältnisse, die den sittlichen Ideen widersprechen, in der Ferne aufzeigt. Ein solcher Unterricht wird sich der Haupt- sache nach an Geschichte und Poesie wenden und einen direkten Unterricht in sitt- lichen Grundsätzen erst in zweiter Linie berücksichtigen. Beachtung verdient noch der Gegensatz in den Anschauungen Kants und Herbarts über das Ziel des Religions- unterrichts. Der Förderung des religiösen Interesses, welches den Höhepuukt des sympathetischen Interesses bildet, muss. im Geiste Herbarts gedacht, der religiöse Unter- richt dienen. Diese Aufgabe wird gelöst durch die Bildung und Erzeugung der Idee Gottes.„Als der Endpunkt der Welt, als der Gipfel aller Erhabenheit, muss diese
*) Tugendlehre, Ausgabe von Hartenstein, 296. **) Tugendlehre, Seite 292.


