22
sorgen, dass diese Modifikationen in richtiger Weise aufeinander folgen.„Darum eim chronologisches Aufsteigen von den Alten zu den Neuen.“*)„Endigen wird der ganze- Gang bei dem Gegensatze zwischen dem Zeitalter und dem Vernunftideal dessen, was die Menschheit sein sollte; nebst der vermittelnden Ueberlegung, wie sie es werden könnte, und was dafür der Einzelne zu thun habe?“**) Um so höher schätzt Herbart ein Studium der grössten Historiker und Dichter, weil derjenige am wenigsten geneigt sei, vom Moment etwas mit Ungestüm zu fordern, welcher mit grossen Schritten die Zeiten durchwandert habe. Selbst wenig bewegt, werde er auch andere so frei zu machen suchen, als unsere Natur es gestattet. In diesen Anschauungen Herbarts ist nicht recht ersichtlich, wie aus einem Verweilen auf den Höhepunkten der Menschheit mit Notwendigkeit sich das Streben ergeben soll, anderen zur Erlangung einer angemessenen Freiheit behilflich zu sein. Das Resultat einer solchen Erziehung, die Möglichkeit vorausgesetzt, würde höchstens befähigen zur Beurteilung eines Ge- schichtswerkes nach den Gesichtspunkten der Darstellung und Anordnung. Die Träger einer solchen Bildung würden ihre Betrachtungen weniger den Personen und deren Wollen zuwenden, sondern den empirischen Bedingungen unter denen dieselben gelebt, haben. Eine solche Einsicht in geschichtliche Bedingungen hemmt allerdings jeden Unge- stüm, fördert das Bewusstsein der Bedingtheit aller menschlichen Handlungen und erinnert an die Schranken, welche einem jeden durch Natur und Gesellschaft gesetzt werden.
Soll aber ein Geschichtsunterricht, wie ihn Herbart schildert, von wahrhaftem Erfolge begleitet sein, so muss er Gesichtspunkte bieten, welche geschichtlich Gewordenes nach seinem Werte oder Unwerte erkennen lassen. Nicht alle Resultate der Kultur- entwickelung sind wert der Zukunft übermittelt zu werden. Die Erziehung, und nur von dieser, nicht von der Geschichtsforschung, soll hier geredet werden, fordert ge- schichtliche Betrachtung unter dem Gesichtspunkte eines ethischen Ideals. Ein solches Ideal kann sich aber nur begründen in der Erfahrungslehre und Ethik Kants. Welchen Inhalt das ethische Ideal empfängt, davon mag an dieser Stelle abgesehen werden, nur der prinzipielle Gegensatz zu Herbart soll angedeutet werden. Herbarts Teil- nahme am Menschen beruht mehr in einer Selbstbesinnung auf die eigne Kraft und deren Schranken, sowie in der Gefügigkeit, welche sich aus diesem Bewusstsein ergiebt, begründet aber keineswegs jene heilige Liebe, welche die Zwecke anderer Menschen zum Zwecke des eigenen Lebens macht. Nicht nur anfügen soll sich das Individuum in die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, sondern auch, und das ist das höchste Gebot, mitwirken an der Umgestaltung derselben nach der Idee einer sitt- lichen Gemeinschaft. Herbarts Erziehungsideal ergiebt sich als Einsicht in die Be-— dingungen des geschichtlichen und gegenwärtigen Lebens, hat aber keine notwendige Beziehung auf die Erwerbungsittlicher Grundsätze, aus denen die Zwecke des Lebens sich ableiten lassen. Der geschichtliche Unterricht unter der Leuchte eines ethischen Ideals soll nicht verweilen auf den Höhen der Menschheit, sondern bei den einzelnen Personen, soweit sie die Idee der Menschheit in sich zur Darstellung zu bringen suchen oder von ihr abweichen. In der Methodenlehre der reinen praktischen Vernunft wird dieser: Gedanke von Kant eingehend erörteft.„Ich weiss nicht, warum die Erzieher der Jugend von diesem Hange der Vernunft, in aufgeworfenen praktischen Fragen selbst, die subtilste Prüfung mit Vergnügen einzuschlagen, nicht schon längst Gebrauch gemacht, haben, und, nachdem sie einen bloss moralischen Katechismus zum Grunde legten, sie nicht die Biographien alter und neuer Zeit in der Absicht durchsuchten, um Belege zu
*) Allgem. Pädagogik, Ausgabe von Richter, S. 79. **) Allgem. Pädagogik, Ausgabe von Richter, S. 77.


