Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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lassen; nur diese Folgerung kann aus den pädagogischen Grundanschauungen Herbarts geschlossen werden. Abzuweisen sind ferner diejenigen Gesichtspunkte, welche eine Auswahl der Unterrichtsstoffe vom Standpunkte des praktischen Nutzens fordern, einzig und allein das Subjekt mit seinen verschiedenen Interessen, giebt bei Herbart den Mass- stab für die Auswahl der Bildungsstoffe ab. Da nun, wie wir früher sahen, alle Interessen im gleichschwebenden vielseitigen Interesse sich vereinigen sollen, so kann man wohl be- naupten, dass, im Geiste Herbarts gedacht, die Erzielung des gleichschwebenden viel- seitigen Interesses als Gesichtspunkt bei der Wahl der Unterrichtsgegenstände mass- gebend sein müsse. Da für diesen Begriff eine klare Definition nicht gegeben werden konnte, derselbe sich vielmehr als ein Hülfsbegriff im pädagogischen System Herbarts ergab, so kann er als Gesichtspunkt für die Auswahl der Unterrichtsgegenstände wohl kaum erustlich genommen werden. Hält man an den Einteilungsgründen Herbarts nach dem Gesichtspunkte des Interesses fest, so hat man in der Wahl der Bildungsstoffe unbeschränkte Freiheit, da fast jedes Gebiet unseres Wissens menschlichem Interesse nahe gebracht werden kann. Wie es unmöglich war, aus den engen Schranken des Individuums den Begriff einer systematischen Ethik abzuleiten, so kann man wohl ebensowenig hoffen, in der zufälligen psychologischen Beschaffenheit des Individuums einen durchgreifenden Einteilungsgrund für die Wahl der Bildungsstoffe finden zu können. Immerhin sind Herbarts pädagogische Meinungen denjenigen Anschauungen gegenüber als ein Fortschritt zu bezeichnen, welche planlos die Unterrichtsgegenstände dem Geiste zuführen wollen, ohne die psychologische Beschaffenheit des Individuums zu beachten. Nur so lange konnte Herbarts Lehre die ihr gewordene Berücksichtigung finden, als zwischen wissenschaftlichen Gesetzen und Grundrichtungen unseres Erkennens ein Gegensatz angenommen wurde. Es ist der alte Streit des Subjektiven und Objektiven, der auch hier in der Pädagogik seine Lösung fordert. Hält man an dem kritischen Gedanken fest, dass in der Thatsache der Wissenschaften die Grundrichtungen unseres Denkens ihren Ausdruck erhalten haben, dass wir nur dasjenige als wissenschaftliches Gesetz erkennen, was wir selbst in die Dinge gelegt haben, so findet der Gegensatz des Objektiven und Subjektiven eine be- friedigende Lösung. Vom Standpunkte des Kritizismus ausgehend, ist es also gestattet, bei der Wahl der Bildungsstoffe die Wissenschaften selbst reden zu lassen, weil wissen- schaftliche Gesetze in den Grundrichtungen unseres Geisteslebens ihre Begründung erhalten. Herbarts psychologische Beobachtungen werden trotzdem immer ihr Recht behaupten und sich verwerten lassen, wenn es gilt, strenge Wissenschaft einem jugend- lichen Geiste annehmbar zu machen. Bereits im Vorhergehenden sahen wir ja, wie auch vom kritischen Standpunkte aus Herbarts Idee des analytischen Unterrichts sich rechtfertigen lässt. Nochmals muss aber betont werden, dass im Geiste Kants eine Wahl der Bildungsstoffe ohne Rücksicht auf einen zu erreichenden Gemütszustand, als welchen wir das gleichschwebende vielseitige Interesse kennen lernten, stattzufinden hat. Eine kurze Erörterung verdienen noch diejenigen Gesichtspunkte, welche bei der Wahl der ethischen und aesthetischen Bildungsstoffe massgebend sind. Als ethische Unterrichtsstoffe, im Geiste Herbarts gedacht, würden diejenigen Disziplinen zu bezeichnen sein, welche das sympathetische Interesse erwecken. Dieses Interesse soll sich dem Menschen überhaupt zuwenden dem Menschlichen, so mannigfach und oft es uns begegnen möge. Diese Teilnahme am Menschen, so lehrt Herbart, findet sich einzig und allein bei den grossen Dichtern und Historikern, weil sie allein die Kraft besessen haben, mannigfaltige Bilder der Menschheit in sich zu erzeugen. Nur sie allein sind befähigt, die Teilnahme am Menschlichen einigermassen mitzuteilen, sie allein besitzen den wahren Begriff des Menschlichen. Da aber diese Wahrheit sich kontinuirlich modificirt, so ist es nach Herbarts Ansicht Pflicht des Erziehers, dafür zu