Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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abgehalten werden, sondern sie sollen auch lernen, ihre Gedanken nicht auf ein Ob- jekt allein zu richten. Eine starre Anheftung der Gedanken an ein Objekt wird von Kant als eine Schwäche des inneren Sinnes bezeichnet. Jene Fähigkeit, welche bei den Objekten verweilt und zur rechten Zeit sich von ihnen abwendet, bezeichnet er als Aufmerksamkeit. Demselben Gedanken begegnen wir in den Ausführungen Herbarts über Besinnung und Vertiefung im vierten Kapitel der allgemeinen Pädagogik. Gleich Kant hat er die Absicht, die geistige Thätigkeit des Zöglings zunächst zu gewinnen und sucht nach Gegenständen, welche die Anknüpfung erleichtern. Diese Möglichkeit der leichteren Anknüpfung findet er in den Realien Naturgeschichte, Geographie und Geschichte, da ihnen, wie er sich ausdrückt, wenn auch nur teilweise, die freisteigenden Vorstellungen der Zöglinge entgegenkommen. Beide Philosophen legen den Nachdruck auf das gesteigerte Gefühl des Könnens. Man verstehe, so äussert, sich Kant, das am besten, was man sich selbst verfertigen könne, zum Beispiel eine Landkarte.*) Wir sehen, dass auch Kant die Notwendigkeit anerkennt, allen Unter- richt zunächst an die Erfahrung anzuknüpfen, daher seine Betonung der Geographie und der anschliessenden Wissenschaften für den ersten Unterricht. Trotzdem Kant es ablehnt, kann wohl auch ein vorbereitender Unterricht in der Geschichte diesem ersten Unterricht beigesellt werden. Vom Standpunkte Kants lässt sich sicherlich kein Ein- wand gegen einen Unterricht erheben, der an Erfahrung und Umgang anknüpft, so lange es eben nur gilt, die zufülligen Erfahrungen des Kindes zu ordnen. Ein Fort- schritt ergiebt sich bereits, wenn die Gegenstände der Erfahrung gegeben werden und das Kind gezwungen wird, ganz bestimmte Erfahrungen zu machen. Dieser Gedanke führt hinüber zu der systematisch geordneten Erfahrung, zur Wissenschaft. Herbart findet die Ergänzung des analytischen Verfahrens im synthetischen Unterricht, durch welchen der enge Gesichtskreis des kindlichen Individuums erweitert werden soll. Zum synthetischen Unterricht gehören aber:Die ganze Mathematik mit dem, was ihr voran- geht und folgt, das ganze Aufsteigen durch die Stufen der in Bildung begriffenen Menschheit von den Alten zu den Neuern. Fasst man den Unterricht auf als die Ergänzung von Erfahrung und Umgang, so bietet sich die Summe alles desjenigen, was Menschen dachten und empfanden, als Unterrichtsstoff dar. Analytischer und synthetischer Unterricht oder was dasselbe, Unterricht als Ergänzung von Erfahrung und Umgang, geben die Idee einer universellen Bildung. Es bedarf wohl keines be- sonderen Hinweises, dass in diesem Einteilungsgrunde Herbarts ein Grund der Unter- scheidung des Wichtigen vom Unwesentlichen nicht gefunden werden kann, die Gefahr der zu starken Belastung mit Stoff liegt nahe. Die Wahl der Bildungsstoffe für die ersten Jugendjahre mag sich immerhin nach den erwähnten Einteilungsgründen Herbarts vollziehen; ein Grund für die Auswahl der Bildungsstoffe im allgemeinen kann in den- selben nicht gefunden werden. Herbart selbst will von allem nur die Elemente geben und ihre Verbindung veranstalten; welches nun die Elemente sind und nach welchen Gesichtspunkten dieselben bestimmt werden sollen, darüber giebt er keine genaue Auskunft. Die Bildungsstoffe sind nach seiner Meinung für die Jugend richtig aus- gewählt, wenn der gebildete Mann später befähigt ist, vielseitig an seinem Gedanken- gebäude zu arbeiten. Bei seiner Auswahl der Bildungsstoffe hängt Herbart zu sehr am Stoffe, nicht an den eigentümlichen Gesetzen, in denen die Gegenstände des Er- kennens sich ordnen. Aller Unterricht hebt allerdings mit der Erfahrung an, schreitet, aber dann fort zu den Gesetzen, welche die Erfahrung zur Wissenschaft erheben. Die Mathematik ist keine Ergänzung der Erfahrung, sondern ein Mittel, in

) Vogt, J., Kant über Pädagogik, p. 94.