haben. Vor allen Dingen gilt dies von der Aesthetik. Kants Verdienst bleibt es ferner, diese drei Grundformen des Bewusstseins als Gesichtspunkte für die Beurteilung aller Thatsachen der Kultur dargestellt zu haben. Aus unseren Betrachtungen ergiebt, sich weiter, dass in dem Begriffe der Richtung Kants Vermögenstheorie einen anderen
Charakter erhält.
Wahl der Bildungsstoffe.
An die vorhergehenden Betrachtungen reihen sich leicht an einige Erörterungen über die Wahl der Bildungsstoffe. Die Grundgestalten des Bewusstseins erkannten wir als die typischen Formen, in denen menschliches Geistesleben sich bewegt. Alle That- sachen der Kultur liessen sich in den Begriffen Natur, Sittlichkeit und Kunst ordnen. Hieraus ergiebt sich, dass die Auswahl der Bildungsstoffe nach den Gesichtspunkten dieser Grundformen des menschlichen Bewusstseins geschehen muss. Eine solche Aus- wahl ist aber gestattet, weil in den Grundgestalten des menschlichen Bewusstseins, in der Gesetzmässigkeit der einzelnen Arten derselben, sich die Hauptrichtungen menschlicher Geistesthätigkeit aussprechen. Als Endziel aller Bildung ergiebt sich Einheit des Bewusstseins. Diese Einheit wird aber erzielt durch die Pflege der drei Grundformen. Die Auswahl wird sich darauf beschränken, den drei Richtungen ent- sprechend Typisches auszuwählen, d. h. solche Stoffe, in denen die Grundformen ihren Gesetzescharakter am reinsten zum Ausdruck bringen. Sind Mathematik und reine Naturwissenschaft der Ausdruck des Bewusstseins in theoretischer Beziehung, so sind sie um ihrer selbst willen zu betreiben. Hält man ferner an dem Kantischen Gedanken fest, dass in der Naturwissenschaft nur soviel von Wissenschaft geredet werden kann, als in derselben Mathematik verwertet wird, so ergeben sich diejenigen naturwissen- schaftlichen Disziplinen als Bildungsstoffe, in denen die Anwendung von Mathematik klar und ersichtlich ist. Naturbeschreibung würde erst in zweiter Linie stehen und, vom Standpunkt des Unterrichts aus, nur so lange Verwendung finden, bis Mathematik und reine Naturwissenschaft dem Geiste nahe gebracht werden können. Die beschreibenden Naturwissenschaften würden das zu leisten haben, was Kant die Cultur der unteren Kräfte des Verstandes nennt, also die Stärkung der Sinne, der Einbildungskraft, des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit. Die Beschäftigung mit diesen Disziplinen hat eine um so grössere Bedeutung, da die schwärmende Einbildungskraft der Kinder durch die Objekte der Naturbeschreibung an Regeln gebunden werden kann. Kant erwartet diese eben erwähnte Wirkung vor allen Dingen vom ÜUnterricht in der Geographie:„Landkarten haben etwas an sich, das alle, auch die kleinsten Kinder reizet. Wenn sie alles andere überdrüssig sind, so lernen sie doch noch etwas, wobei man Landkarten braucht. Und dieses ist eine gute Unterhaltung für Kinder, wobei ihre Einbildungskraft nicht schwärmen kann, sondern sich gleichsam an eine gewisse Figur halten muss. Man könnte bei den Kindern wirklich mit der Geographie den Anfang machen. Figuren von Tieren, Gewächsen u. s. w. können damit zu gleicher Zeit verbunden werden. Diese müssen die Geographie beleben. Die Geschichte müsste aber wohl erst später eintreten.“*) Kant verspricht sich von der Beschäftigung mit den oben genannten Gegenständen nach zwei Richtungen hin die grössten Vorteile. Die Kinder sollen nicht nur von Zerstreuung, als dem Todfeinde jeder Erziehung
*) Vogt, J, Kant über Pädagogik, p. 94.


