Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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hergestellt wird. Selbst wenn man diese Fiktion zugiebt, so bleibt doch nur eine mög- liche Zusammenstellung von Willenszeichnungen, kein praktisches Wollen. Der Gedanke Herbarts, aus dem engen Begriff des Individuums heraus den Begriff einer sittlichen Gemeinschaft abzuleiten, kann nicht zur Ausführung gebracht werden. Die vorher- gehenden Auseinandersetzungen haben uns gezeigt, dass Kant den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hat. Die angegebenen Widersprüche in der Ethik und Pädagogik Herbarts sind die Consequenzen seiner aesthetischen Auffassung der Ethik. Urteile die nur im Gefühl sich begründen, wie die Urteile des Beifalls und Missfalls, eignen sich nicht zur Begründung einer Ethik, haben nur subjektive Gültigkeit. Zwei Gesichts- punkte sind von Herbart bei der Aufstellung seiner ethischen Anschauungen nicht ins Auge gefasst worden. Hat er auf der einen Seite die Ethik begründet, ohne Rück- sichtnahme auf die Erfahrung, so hat er andererseits versäumt, Ethik und Aesthetik scharf abzugrenzen. Während, wie schon früher erwähnt, die Ethik Kants sich als eine Consequenz seiner Erfahrungslehre ergiebt, hat Herbart, ethische und theoretische Spe- kulation vollständig getrennt und hat die erstere der Aesthetik zugewiesen. Wenn behauptet wird, dass Kants Ethik eine Folgerung seiner Erfahrungslehre sei, so sollte durch diese Behauptung keineswegs die Selbständigkeit der Ethik erschüttert werden. Als ächter Idealist leitet Kant alles Wissen aus einem einheitlichen Bewusstsein ab, bewahrt aber jedem Erkennen seinen eignen Wert. Erfahrungslehre und Ethik haben als gemeinsame Grundlage die Einheit des Bewusstseins; die Notwendigkeit hingegen, welche in einem Erfahrungsurteile ihren Ausdruck empfängt, ist eine andere als in einem sittlichen Urteile; der Ausdruck des Bewusstseins in Natur und Sittlichkeit muss als ein verschiedener bezeichnet werden. Die Bedingungen, unter denen das Bewusst- sein Wissenschaft hervorbringt, sind andere als diejenigen, unter denen es Sittlichkeit, erzeugt. Die Richtung des Verfahrens ist eine verschiedene. In der Erzeugung der Natur schafft das Bewusstsein Realitäten, welche durch Empfindungen sich als solche beweisen. Anders ist die Richtung, welche das Bewusstsein in der Hervorbringung des Sittlichen meint. Sie schafft keine Realität, welche uns durch Empfindungen gegeben wird, sondern weist auf eine Wirklichkeit hin, welche erst in der Zukunft ihre Dar- stellung erhalten soll. Diese Forderung einer zukünftigen Wirklichkeit, vollzieht sich im Sollen. Seinen Inhalt empfängt das Sollen durch das Sittengesetz als der Idee, in deren Verwirklichung alle Versittlichung bewirkt wird. Beiden Richtungen des Bewusst- seins, der theoretischen sowohl als der ethischen, liegt aber zu Grunde der Gesetzes- charakter, d. h. die Einheit des Bewusstseins. An. Naturwissenschaft und Sittlichkeit reiht sich als dritte Aeusserung des Bewusstseins die Kunst an, welche weder in Natur noch in Sittlichkeit ihre Begründung erhalten kann. Die Kunst wählt aus diesen beiden Richtungen ihre Objekte, nicht um Naturgesetze zu erklären oder um ein Sollen zu erläutern, sondern um dieselben den Gesetzen des Schönen zu unterwerfen. Es ist eine neue Richtung des Bewusstseins, welche in der Darstellung nach Gesetzen des Schönen sich offenbart. Schon früher sahen wir, dass der Begriff der Moralisierung sich aus Herbarts aesthetischen Grundurteilen nicht ableiten liess und deuteten auch die Gründe an, welche die Umwandlungen der aesthetischen Urteile in moralische Urteile unmöglich macht. Als weiterer Grund für dieses Misslingen können wir noch hinzu- fügen, dass Herbart den besonderen Gesetzescharakter des Sittlichen verkannte und deshalb Ethik und Aesthetik als ein Gebiet ansah. Vom Standpunkt des Kritizismus aus muss seine Auffassung des Ethischen als ein Rückschritt bezeichnet werden, da er für zwei verschiedene Richtungen des Bewusstseins einen und denselben Gesetzes- charakter gelten lassen wollte. Kants grösstes Verdienst bleibt es aber, für Natur- wissenschaft, Ethik und Aesthetik je eine besondere Gesetzmässigkeit festgestellt zu