wie durch ein Wunder sollen alle münden im vielseitigen Interesse, in jenen Zustand der Seele, durch den dieselbe für die sittliche Gesetzgebung geschmeidig gemacht wird. Der Begriff des vielseitigen Interesses steht im Zusammenhang mit Herbarts aesthetischer Auffassung der Ethik. Jenes Losreissen von den Gegenständen, jenes Vermeiden eines unbedingten Verlangens, jene Ruhe des Urteilens, welche weniger bei den Gegenständen selbst, als bei ihren Beziehungen zu einander verweilt, sie ist das Bild einer ästhetischen Stimmung und sie wird von Herbart als die Form der Tugend bezeichnet. In der all- gemeinen practischen Philosophie, in dem Kapitel über Schranken des Menschen, äussert, sich Herbart wie folgt:„Wenn sie sich(die Individualität) ausschliessend mit Heftigkeit in einzelnen Strebungen nach bestimmten Gegenständen äussert, so ist sie jenem Ent- schlusse, und eben dadurch der Form der Tugend zuwider. Umgekehrt sie kommt ihr näher, je mehr sie sich in der Gestalt eines gleichschwebenden vielseitigen Interesses offenbart; welches schon an sich der Idee der Vollkommenheit entspricht, hauptsächlich aber darum wünschenswert ist, weil es einer Charakterbestimmung vorarbeitet, deren feste Objekte nicht Aeusserlichkeiten, sondern die Ideen selbst sind.“ Diese gleich- schwebende Vielseitigkeit des Interesses, wie sie Herbart schildert, bei der kein Ver- langen besonders hervortritt, hält auch die Möglichkeit offen, die Richtung des Begehrens zu verändern, an die Stelle des einen Verlangens, sofort ein anderes treten zu lassen. Die Freiheit, ohne grosse Mühe jedes Verlangen anzuhalten, ist nach Herbart noch keine Sittlichkeit, aber die Vorstufe derselben. Es kommt nur darauf an, ob Egoismus oder practische Vernunft sich dieser Freiheit bemächtigen werde; im einen Fall wird sie im Sinne Herbarts sich der Klugheit, im anderen Falle der Sittlichkeit zuwenden*). Ob nun der Zögling sich hingebe der Weltklugheit oder der Sittlichkeit, das soll nicht dem Zufall überlassen bleiben.„Der Erzieher soll den Mut haben, vorauszusetzen, er könne wenn er es recht anfange, jene Auffassung durch ästhetische Darstellung der Welt früh und stark genug determinieren, damit die freie Haltung des Gemüts nicht von der Weltklugheit, sondern von der rein practischen Ueberlegung das Gesetz empfange.“ Welchen Ausdruck das practische Gesetz bei Herbart erhält, bleibe an dieser Stelle unerörtert, es sollte nur angedeutet werden, dass ein Zusammenhang zwischen Bildung des Gedankenkreises und sittlicher Bildung gefordert wird. Ergab sich die Erziehung zur Selbstverantwortlichkeit als grundlegender Gedanke der Pädagogik Kants, so handelt es sich bei Herbart nur um die Erweckung eines bestimmten Gemüts- zustandes. Das Individuum der Herbartschen Theorie ist dann vollendet, wenn sein Gedankenkreis fein säuberlich geordnet, vielmehr ihm geordnet worden ist, während im Sinne und Geiste Kants der Nachdruck mehr auf die persönliche Thätigkeit des Indi- viduums zu legen ist. Bei Kant kommt es weniger auf die Architektonik des Gedanken- kreises an als auf das Bewusstsein, durch eigene Kraft denselben geschaffen zu haben. Der Kantianer legt das Hauptgewicht nicht auf die Ordnung und Verbindung der ein- zelnen Kenntnisse, sondern auf die Art und Weise der Erwerbung derselben. Wurde in der geschichtphilosophischen Betrachtung die Gattung sich selbst verantwortlich gemacht, so soll auch im einzelnen Gliede derselben das Bewusstsein geweckt werden, für sein Wissen und Können verantwortlich zu sein. Nach Kants Anschauung entspricht es nicht der Menschen Würde unmündig zu bleiben, das heisst sich seines Verstandes nur unter Leitung eines anderen bedienen zu können. Derjenige nur ehrt die Menschheit, in seiner Person, dem es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung des Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und allein einen sicheren Gang zu thun**). Ist es,
*) Ueber die ästhetische Darst. der Welt 117. Ausgabe v. Richter. **r) Beantwortung der Frage was ist Aufklärung.


