Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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Zusammenhang zwischen geistiger und sittlicher Bildung.

Die vorhergehenden Betrachtungen legen es nahe, einem Grundgedanken der Pädagogik Herbarts die Aufmerksamkeit zuzuwenden. Vielleicht gelingt es klar zu legen, in wie weit Kant und Herbart in ihrem Grundgedanken sich unterscheiden. Die Bildung des Gedankenkreises und sittliche Bildung sollen nach Herbart im Verhältnisse der Ursache und Wirkung stehen. Die Bildung des Gedankenkreises soll stattfinden nicht um der Gedanken selbst willen, sondern mit Rücksicht auf eine sittliche Wirkung. Durch die bestimmte Art der Verbindung und die Construction des Gedankenkreises soll ein Wollen erzielt werden, welches an die Schwelle des Sittlichen führt. Aber es giebt, so äussert sich Herbart, kein selbstständiges Begehrungsvermögen, sondern das Wollen wurzelt im Gedankenkreise, das heisst zwar nicht in den Einzelheiten desselben, was einer weiss, wohl aber in der Verbindung der Vorstellungen die er erworben hat. Hieraus ergiebt sich das Bestreben, Gewusstes festzuhalten und enger zu verbinden. Wer aber Gewusstes festhält, der interessirt sich für dasselbe. Da nun die geistigen Thätigkeiten verschiedenartig sind, so ergiebt sich der Begriff des vielseitigen Interesses. Das nähere Ziel des Unterrichts ist also bei Herbart nicht die Tugend, sondern die Vielseitigkeit des Interesses. Vielseitigkeit als Resultat des Unterrichts ist gleichsam eine Stimmung, welche der Annahme sittlicher Grundsätze günstig sein soll. Im viel- seitigen Interesse sollen die durch den Unterricht geweckten Interessen, die gleichsam wie Kräfte zu betrachten sind, verschmolzen und zu einer einheitlichen Stimmung zu- sammengefasst werden. Vielseitigkeit soll sich unterscheiden von Vielgeschäftigkeit. kein Interesse soll besonders vorherrschen. In der Vielseitigkeit soll die Individualität sich auflösen und doch auch wieder bewahren, da es ja nach Herbart die Aufgabe der Erziehung sein soll, die Individualität so unversehrt als möglich zu erhalten. Den Zu- sammenhang zwischen Vielseitigkeit und Tugend stellt Herbart dar in den Aphorismen zur Pädagogik.Die Vielseitigkeit soll sich ganz in den Dienst der moralischen Ver- nunft begeben. Nur ihr wollten wir ein weites Reich bereiten, sie sollte in aller Welt und in aller Wirklichkeit sich wiederfinden. In ihrem Interesse sollte die Macht aller möglichen Interessen zusammen fliessen. Wir wollten einen vielseitigen, leichtgeweckten, nur um der Pflicht einen wachsamen, rasch und klug ausführenden Diener zu geben. An anderer Stelle fühlt Herbart die Schwierigkeit, Sittlichkeit und Vielseitigkeit zu ver- pflechten.Wie wird doch die Vielseitigkeit sichs gefallen lassen, in die engen Schranken der Sittlichkeit einzukriechen, und wie wird die ernste Einfachheit der sittlichen Demut es aushalten, in die bunten Farben eines mannigfaltigen Interesses gekleidet zu werden*). In einer Abhandlung über Herbarts didaktische Grundsätze wird die Vielseitigkeit erklärt, als der eigentümliche Gemütsstand der Seele, die innere Regsamkeit und Empfäng- lickkeit, welche die Mitte hält, zwischen Zuschauen und Zugreifen**). Aus den ange- führten Citaten ergiebt sich die Vielseitigkeit des Interesses als eine Gemütsstimmung, geeignet zum Anbau sittlicher Grundsätze. Aufgabe des erziehenden Unterrichts wird es also sein, jene Stimmung zu erzielen. Die Bildung dieses Gemütszustandes scheint aber um so mehr Schwierigkeiten zu bieten, als nach Herbart jeder Wissenstoff in sich geschlossene Interessen hat. Nach seiner Meinung bleibt der Verstand der Grammatik in der Grammatik, der Verstand der Mathematik bleibt in der Mathematik; der Ver- stand jedes anderen Faches muss sich in diesem anderen Fache auf eigene Weise bilden***). Soviel Bildungsstoffe, soviel in sich geschlossene Interessen und doch

*) Allgem. Pädagogik. **) Dir.-Konferenz Prov. Sachsen. rn) Staat und Erziehung 326.