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Element ein. War Boso in seinem geistlichen Berufe aufgegangen, so fand Gisel- her für seine bischöflichen Geschäfte wenig Zeit.¹) Boso war Priester, Giselher Diplomat, der freilich die Weihen empfangen hatte; jener lebte für sein Bistum, dieser von seinem Bistum; er betrachtete das Episkopat als eine einträgliche Pfründe. Sicher hat Otto der Grosse, in dessen Nähe der gewandte Kapellan seit geraumer Zeit lebte, die Abneigung Giselhers gegen klerikale Thätigkeit ge- kannt und schwerlich erwartet, dass Giselher ein Bischof im Geiste des frommen Boso sein werde; vielleicht erschien vielmehr dem Kaiser für die neue Stiftung, in der manche Gegensätze hervortraten, ein diplomatisch befähigter Mann erspriess- licher als ein frommer Heidenbekehrer. Nach dem Brauch jener Zeit hat Otto das Bistum dem talentvollen Kapellan übertragen als Lohn für Dienste im Staate, eben nicht viel anders denn als ein kaiserliches Lehn.²) Bei der Investitur, die damals noch der Kaiser durch Ring und Stab vollzog, hatte dann der Bischof den Treueid zu leisten.) Und dieser Treueid verpflichtete auf jeden Ruf des Königs in die Pfalz und ins Hoflager zu folgen: in eigener Person und mit seinen Mannen musste der Prälat Heeresfolge leisten. Die Diakonen übernahmen dann den wichtigsten Teil der Diöcesanverwaltung.¹) Während Giselhers Episkopat wird im Merseburger Sprengel die Führung der bischöflichen Geschäfte durch die Dia- konen Regel gewesen sein. Der Bischof selbst war durch kaiserlichen Dienst be- hindert. Otto der Grosse fand an Giselhers Adel Gefallen und schätzte seinen klugen Ratschlag. Der neue Prälat ging in der kaiserlichen Pfalz aus und ein,
sein Einfluss wuchs, der Kaiser legte auf seine Fürsprache Gewicht.) 3
Mit dieser allgemeinen Bemerkung der Merseburger Bischofschronik über Giselhers Stellung zu seinem grossen Kaiser müssen wir uns begnügen. Durch Zufall wissen wir, dass Giselher im September 972 mit seinem Metropoliten auf der Synode zu Ingelheim erschien.6) Zum ersten Mal versammelte dort nach seiner Rückkehr aus Italien?) der Kaiser um sich den geistlichen und weltlichen
¹) Chron. Episc. Merseb. b. Pertz p. 167: postpositaque omni episcopali actione.
2) Waitz a. a. 0. VII, p. 285.
3) ibid. p. 287.
4) Gfrörer, Kirchengeschichte III, 3, 161 ff.
5) Chronic. episc. Merseb. 167: Enimvero hic Giselherus carnali nobilitate fulgebat, in con- siliis pollebat et ob hoc in palatio regis frequentabatur et apud imperatorem plurimorum salus temporalis per eum dirigebatur.
⁶) Vita Udalrici c. 23 u. 241; Möser Osnabrückische Geschichte II, 229: huic vero synodo interfuerunt... Athalbertus Magdaburgensis archiepiscopus cum suis suffraganeis Fokkone Mis- nense, Gisalhario Merseburgense multique alii nostri regni principes etc.— Wenn auch Dümmler
(Otto der Grosse p. 492) und Wilmans(Kaiserurkunden I. 361) das Diplom verdächtig erscheint, so hält doch Wilmans die Namen für echt.
¹) Stumpf, Regest. 513, wonach Otto am 1. August 972 noch in Pavia war.


