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der Kanzler genommen. Dass in dieser Schule die Jagd nach Gunst und Pfründe wuchs, dass die jungen Kapelläne in der Wahl der Mittel nicht ängstlich waren, wird vielfach bezeugt, ja die Kapelle selbst von der strengen Richtung, die in der Kirche aufkam, als eine Pflanzstätte der Simonie, als ein Sitz der Verderbnis ver- dammt.¹) In der Hofkapelle scheint Giselhers Eifer und Talent dermassen von Otto gewürdigt zu sein, dass er dem jungen Manne die Leitung der Kapelle über- trug.²) Die Fürsprache seines alten Gönners, des nunmehrigen Bischofs Anno von Worms, verhalf Giselher 971 auf den Bischofssitz von Merseburg. ³)
Das junge Bistum Merseburg verlor am 1. November 970 seinen ersten Bischof Boso, einen frommen Mönch aus St. Emmeran bei Regensburg. Nur ein Jahr, zehn Monate und drei Tage hatte Boso in echter Frömmigkeit und religiöser Inbrunst seines mühevollen Amtes gewaltet. Der Religionseifer des frommen Mannes hatte manchen Spott und Hohn von Seiten der heidnischen Slawen er- fahren, und wenn auch der Zustand der merseburger Diöcese der friedlichste von den drei neubegründeten Bistümern Merseburg, Meissen und Zeiz war, so mochte es doch traurig genug um das Christenthum in jenen Gegenden bestellt gewesen sein, als der rührige Bischof seinem Wirkungskreise durch den Tod ent- rissen wurde. ¹)
Die augenblicklichen Verhältnisse bedingten eine siebenmonatliche Vakanz. Boso war nicht in seinem Merseburger Amtsbezirk, sondern in seinem bairischen Vaterlande gestorben; die Trauerbotschaft musste also von hier nach Merseburg gebracht werden.
Die Besetzung der Bistümer stand damals dem Könige als unbestrittenes Recht zu. Ohne des Königs Befehl sollte niemand zum Bischof geweiht werden.⁵) Otto der Grosse befand sich in Italien;) dorthin begab sich eine Merseburger De- putation und bat um die Neubesetzung des Bischofsitzes. Otto verlieh) das er- ledigte Bistum dem damals gewiss schon erprobten Kapellan Giselher. Im Juni 971 vollzog Erzbischof Adalbert in Magdeburg an Giselher die Weihen. ³)
Hatte das Bistum Merseburg in Boso einen Vertreter der frommen Mönchs- richtung an der Spitze gehabt, so trat mit Giselher ein durchaus entgegengesetztes
¹) Waitz, Verfassungsgeschichte VI, 268—76 u. VII, 275.
2) Ann. Magdeb. 982: Eundem igitur Gisilharium Otto imperator Magnus, quia stirpis, morum et industriae nobilitate pollere cognoverat, de claustro Magdeburgensi assumptum, capellae suae praefecerat.
3) Thietmar II, 23: intercessione Annonis, episcopi Wormacensis. Dass Anno den Giselher auch in die Kapelle gebracht habe, wie Dreyhaupt a. a. O. meint, ist nicht bezeugt; vergl. chron. Magd. p. 288; Dümmler, Otto d. Gr. p. 545.
⁴) Thietmar II, 23: die Slawen verdrehten z. B. das*νιε‿‿εεςον in Ukrivolsa d. i. die Eller steht im Busche; ob vielleicht ein heidnisches Lied so beginnt?
5) Waitz a. O. VII, 273 ff.
6) Stumpf Regest. zu den Jahren 970 u. 971; Dümmler, Otto d. Gr. p. 488.
7) Thietmar II, 23: dedit, Ann. Magdeb. zu 982: substituerat.
8) Thietmar II, 23.
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